Was nach der Untersuchung von Loris Karius bekannt ist

Will Liverpool nur den Marktwert retten?

Ein Problem ist, dass Europa vergleichsweise unsensibel bei der unscheinbaren Gehirnerschütterung ist. Hierzulande wird häufig die grobe Glasgow-Koma-Skala verwendet, um den Schweregrad einer Schädel-Hirn-Verletzung zu messen. Sie besteht nur aus drei Tests. In den USA, wo Folgeerscheinungen wie schwere Depressionen, Orientierungslosigkeit oder Alzheimer bishin zu Suizid durch eine Chronisch-traumatische Enzelphalopathie (CTE) im Football und Eishockey wesentlich bekannter sind, beschäftigen sich weitaus mehr Mediziner mit der Krankheit und ihrer Diagnose.

Im US-Sport müssen Spieler mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung ein strenges Protokoll durchlaufen. Erste Untersuchungen werden, wie im Football, in provisorischen Zelten durchgeführt. Vor ihrem nächsten Einsatz müssen unabhängige Mediziner die Startfreigabe erhalten. Das NBA-Team der Golden State Warriors verwendet u.a. eine Art Skibrille, die die Augenreaktion misst, um Gehirnerschütterung innerhalb von 60 Sekunden messen zu können. Und der Fußballverband in den USA unterbindet das Kopfballspiel bei Fußballern unter zehn Jahren - aus Angst vor Gehirnerschütterungen.

Warum wird die Untersuchung kritisiert?
Dass Karius ausgerechnet in dem Krankenhaus in Boston untersucht wurde, stieß in den Sozialen Netzwerken auf Kritik. Eigentümer des FC Liverpool ist die Fenway Sports Group mit Sitz in Boston. Einer ihrer Eigentümer, der Börsenhändler John W. Henry, gehörte eine zeitlang einem Aufsichtsrat des Krankenhauses an.

Dass sich Karius erst so spät in Behandlung begeben hat und es zuvor keine Anzeichen von Vereinsmedizinern gegeben hat, ist seltsam, findet auch Sportmediziner Dr. Philipp Catalá-Lehnen: »Mich wundert lediglich, dass Karius sich die ganze Zeit über nicht hat untersuchen lassen. Als Liverpooler Teamarzt wäre ich jedenfalls enttäuscht, wenn er sich nun, Wochen später, woanders in Behandlung begibt. Sollte er wirklich eine Gehirnerschütterung erlitten haben, frage ich mich, warum es während des Spiels keinerlei medizinische Versorgung gab. Als verantwortungsbewusster Profi hätte er zumindest ein Signal geben müssen, dass etwas nicht stimmt.« (>>> Hier geht's zum ganzen Interview) Im Netz wird spekuliert, dass der Verein seinen Torwart mit der Verletzung aus der Schussbahn nehmen wolle. Ein Torwart, dessen krassen Patzer durch eine unsichtbare, aber attestierte Gehirnerschütterung zu erklären wären, würde so weniger Marktwert verlieren.

Dagegen spricht, dass Dr. Ross Zafonte in der Fachwelt durchaus bekannt ist. Sein Lehrbuch »Brain Injury Medicine« gilt als Standardwerk auf dem Gebiet. Unwahrscheinlich, dass sich der Mediziner für einen solchen PR-Trick missbrauchen ließe.