Was Menschen alles tun, um die WM zu sehen

Die WM und ihre Wahnsinnigen

Wann ist eigentlich Weltmeisterschaft? Schon klar, alle vier Jahre. Weltmeisterschaft ist aber vor allem dann, wenn Fans aus den unterschiedlichsten Winkeln der Erde Dinge tun, die nur der Fußball erklären kann.

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Da wäre zum Beispiel Mohamed Nufal. Der Ägypter ist bereits im April nach Russland aufgebrochen. Nicht weil er sich im Datum geirrt hatte, sondern weil der 24-Jährige aus Kairo mit dem Fahrrad aufbrach. Auf dem Tahrir-Platz gab er seiner Mutter einen Abschiedskuss, schwang sich auf den Sattel und fuhr los, um pünktlich im 5000 km entfernten Moskau anzukommen, wenn Ägypten nach 28 Jahren Abstinenz auf die WM-Bühne zurückkehrt. Für Nufal stand trotzdem die Reise im Vordergrund. »Wenn es mir nur um die Weltmeisterschaft gehen würde, hätte ich auch fliegen können. Für mich ist es eine große Chance, Neues zu erleben«, erklärte er vor Reisebeginn. Ins Flugzeug stieg der Ägypter dann doch. Zu gefährlich wäre die Zweiradtour durch Syrien gewesen.

An der Grenze zur Kriminalität

Deutlich bequemer, jedoch ähnlich gemählich, ging es vermutlich bei Hubert Wirth aus Pforzheim zu. Sein Ackerschlepper der Marke Lanz Bulldog, Baujahr 1936, brachte ihn mit 20 km/h wohlbehalten und vor allem rechtzeitig nach Russland. Daran änderte auch eine sechsstündige Zwangspause an der weißrussischen Grenze nichts. »Die wussten scheinbar nicht, dass die Fan-ID-Karte als Visum gültig ist«, erklärte Wirth den unfreiwillligen Zwischenstopp. Einsamkeit kam beim 70-Jährigen keine auf, denn in einem selbstgebauten Seitenwagen begleitete ihn seine Dackel-Dame namens Hexe. Nachtruhe fanden die Reisekumpanen in einem Wohnwagen in Bierfass-Optik, den der Traktor einen Monat lang hinter sich herzog.

Während der Deutsche nun entspannt den Spielen entgegenfiebern kann, greifen neun verzweifelte Häftlinge in Argentinien zu gesundheitsgefährdenden Maßnahmen. Schließlich startet die »Albiceleste« schon am Samstag gegen Island ins Turnier und das Kabelfernsehen im Gefängnis der Hafenstadt Puerto Madryn wurde immer noch nicht repariert. »Wir haben entschieden, bis zur Behebung des Problems in Hungerstreik zu treten«, verkündeten die Insassen in einem handschriftlich verfassten Brief an die örtliche Richterin. Ihr Argument: Fernsehen sei für die Gefangenen ein »unveräußerliches Recht«. Die Richterin zeigte sich davon allerdings wenig beeindruckt. Sie lehnte die Forderung ab. Kriminell.