Was macht Jerome Boateng so stark?

Deutschlands größtes Versprechen

Jerome Boateng soll den Weltmeister auch zum Europameister machen. Derzeit scheint es nichts zu geben, das ihm nicht gelingt.

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Fast scheint es, als verfüge Jerome Boateng über übernatürliche Kräfte, so hymnisch wird der deutsche Innenverteidiger derzeit besungen. Man denke da nur an seine artistische Rettungstat im Ukraine-Spiel, wie er – selbst rücklings ins Tor fallend – mit einem Scherenschlag einen Gegentreffer verhinderte. Oder an seinen fulminanten Treffer gegen die Slowakei. Ja, selbst seine öffentliche Kritik an der eigenen Offensive konnte sich hören lassen.

Kurz, es gibt immer weniger Menschen, ob nun Nachbarn oder nicht, die ihm nicht alles zutrauen. Nur eins kann Boateng nicht. »Ich kann nicht um die Ecke gucken.«

Das sagt Boateng und blickt durch seine große, diesmal silbrige Brille. Seine Brillen designt der 27 Jahre alte Fußballer neuerdings ja selbst, sechs Modelle sind auf dem Markt, aber um die Ecke gucken? Ich weiß ja nicht, sagen seine Augen.

Jerome Boateng ist von einer Frau vom Fernsehen gefragt worden, ob er schon gesehen habe, mit welcher Inbrunst Gianluigi Buffon die Hymne seines Vaterlandes schmettert.

Lieb, leise, schüchtern: Ist das Boateng?

Der 38 Jahre alte Torwart schmettert das »Il Canto degli Italiani«, wie man es leidenschaftlicher nicht schmettern kann. Tatsächlich stand Boateng beim Einsingen schon einmal ganz in der Nähe Buffons, beim Länderspiel an Ostern. Aber gesehen? Um die Ecke? »Ich habe das mal bei ihm im Fernsehen gesehen«, sagt Boateng.

Boateng erzählt das so, als würde er übers Kartoffelschälen in der Küche seiner Mutter reden. So redet er eigentlich immer, dieser Hüne mit der Figur eines amerikanischen Basketballers, er redet leise, irgendwie auch lieb. Und schüchtern, wenn er viele Zuhörer hat. Bald so wie ein Schüler mittleren Jahrgangs, der sich nicht gemeldet hat, aber vom Lehrer gefragt wird und nun seine Antwort rasch loswerden will.

Boateng hat ein »gutes Gefühl für die Dinge, die vor ihm passieren«

Boateng ist kein eloquenter Plauderer wie etwa Mats Hummels, sein Kompagnon in der deutschen Abwehr. Und trotzdem hat er sich wie kein Zweiter im Team des Weltmeisters Gehör verschafft. Weil er menschlich astrein ist und sportlich als eines der größten deutschen Versprechen auf den EM-Titel gilt.

Bundestrainer Joachim Löw bescheinigt seinem Abwehrchef ein »gutes Gefühl für die Dinge, die vor ihm passieren«. Auch deshalb habe er ihn vor dem Turnier aufgefordert, mehr zu sprechen, zu kommunizieren, »sich zu exponieren«, wie es Löw sagte.

Der Aufstieg Boatengs begann mit dem WM-Finale vor zwei Jahren in Rio, wo er das Spiel seines Lebens machte. Löw: »Es war mit sein Verdienst. Innerhalb der Mannschaft ist er hoch angesehen, weil jeder weiß, dass er ein Weltklasse-Innenverteidiger ist, er nicht nur defensiv, sondern auch offensiv wichtige Impulse gibt.«