Was macht Henke ohne Hitzfeld?

Im Schatten des Trenchcoats

Am 1. Juli 2008, wenn die Schweiz noch letzte Euro-Schnapsleichen aus dem Land befördert, beginnt das »Nati«-Engagement von Ottmar Hitzfeld. Doch was macht dann Michael Henke, der beste Co-Trainer der Welt? Was macht Henke ohne Hitzfeld?imago images
Michael Henke gilt als der typische zweite Mann an der Außenlinie, ein akribischer Zuarbeiter, seinem Chef treu untergeben, wie ein Jagdhund. Bleibt die Frage: Was macht der inzwischen 51-Jährige, wenn sein Herr und Meister – Ottmar Hitzfeld – in der neuen Saison den amtierenden Deutschen Meister Richtung Schweiz verlässt?

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Vielleicht wird Henke, 1957 im nordrhein-westfälischen Büren geboren, ja wieder die Ersatzbänke dieser Fußballwelt mit einem grauen Seminarraum in Bochum tauschen. An der dortigen Ruhr-Universität hat er studiert und für satte drei Semester sogar eine Dozentenstelle übernommen. Mit dem späteren Fußball-Profi im Team sicherte sich die RUB 1979 zum ersten Mal überhaupt den Europameistertitel der Universitätsfußballer. Stadt und Bundesland haben Henke geprägt, in Interviews betont er seine Affinität mit dem Fußballumschlagplatz Ruhrgebiet: »Ruhrgebiet, das ist Fußball pur. Und wenn man das noch die Enge sieht, eben Dortmund, Bochum oder Gelsenkirchen! 80.00 in Dortmund, 60.00 auf Schalke, das ist schon Wahnsinn.«

Sport und Geographie auf Lehramt hat der auf den ersten Blick so bieder erscheinende Henke studiert, eine Klassenzimmer-Karriere schien vorprogrammiert, doch die fußballerischen Fähigkeiten des 1,86 Meter großen Mittelfeld-Schlackses ermöglichten dem Bürener eine weitaus interessante Laufbahn: 68 Zweitligaspieler absolvierte Henke für die SG Wattenscheid, ehe er 1988 seine aktive Karriere beim FC Paderborn ausklingen ließ. Ein Jahr als Cheftrainer in Paderborn reichte, um anschließend zwei Jahre unter Horst Köppel beim BVB zu arbeiten.

»Der Verein hat ihm meine Person ans Herz gelegt«

Und dann kam Ottmar. »Der kam nach Dortmund uns brachte damals keinen eigenen Co-Trainer mit«, berichtet Henke rückblickend, »Der Verein hat ihm meine Person als Co-Trainer quasi ans Herz gelegt, und er hatte damit kein Problem. So haben wir uns dann kennen gelernt und von diesem Zeitpunkt an zusammen gearbeitet.« Die nächsten sechs Jahre bauten »General« Hitzfeld und sein ergebener Assistent eine der stärksten Vereins-Mannschaften der Welt auf, die sich mit dem Champions-League-Triumph 1997 selbst ein Denkmal setzte. Man kann dem oft als Lakai titulierten Henke vorwerfen, was man will: Als Co-Trainer arbeitete er mit internationalen Klasse-Leuten wie Jürgen Kohler, Andreas Möller oder Julio Cesar zusammen, er wurde mehrfach Deutscher Meister und feierte 1997 den Weltpokal mit einer Mannschaft, für die auch er maßgeblich mit verantwortlich war. Man kann sagen: Michael Henke hat seine Aufgabe als trainerdienendem Wasserträger durchaus erfolgreich ausgeübt.

Als Hitzfeld 1997 Dortmund verließ, blieb Henke zurück, unter Nevio Scala erlebte er den schleichenden Abstieg des hoch verschuldeten Vereins. Also machte Henke rüber, ab 1998 sah man ihn wieder im Schatten des mächtigen Hitzfeld-Trenchcoats sitzen, eifrig Notizen in seinen College-Block kritzelnd. Und wieder hatte Henke damit alles richtig gemacht, 2001 konnte er sich bereits zum zweiten Mal als Champions-League-Sieger feiern lassen. Auch wenn Hitzfeld stets die Lorbeeren einheimste: Henke avancierte in den Jahren seinen Tätigkeit beim BVB und Bayern München zu einem der erfolgreichsten Co-Trainer der Welt. Wie genau die Arbeitsteilung zwischen Hitzfeld und Henke ausgesehen hat, ist nie wirklich deutlich geworden, sicher ist nur, dass Henke mehr als Laufbursche gewesen sein muss: In der modernen Fußball-Welt sind ausgewiesene Experten im Assistenzbereich unumgänglich.

2004 hatte Hitzfeld genug von den Bayern, genug von dem aufreibenden Trainerjob und der hitzigen Medienlandschaft. Henke nutzte die Gunst der Stunde, er wollte sich als Cheftrainer beweisen und heuerte beim 1. FC Kaiserslautern an: Die fünf Monate in der Pfalz wurden zu einem Desaster, der arg kriselnde FCK hatte bei Henkes Abschied traurige neun Punkte aus 13 Spielen gesammelt und sich auf dem letzten Tabellenplatz festgesetzt. Auch Henkes Nachfolger Wolfgang Wolf konnte diese bittere Bilanz nicht mehr aufpäppeln, nach der Saison stieg Kaiserslautern ab. Henke hatte sich im Pokalspiel gegen Rot-Weiß Erfurt zusätzlich einen bösen Fauxpas geleistet: Nachdem Nachwuchstalent Fabian Schönhausen in der deftig geführten Partie verletzt am Boden liegend nicht behandelt werden konnte – die Erfurter Spieler den Ball nicht ins Aus geschossen hatten – explodierte der Westfale unvermutet und beschimpfte die Erfurter Gegner als »Scheiß Ossis« und »Ossipack«. FCK-Boss Jäggi brummte Henke eine Strafe von 10.000 Euro auf, dessen Imageschaden war allerdings weitaus größer. »Er ist ein unglaublich arroganter Typ«, formulierte Erfurt-Akteur Björn Brunnemann seine Abneigung, Manager Stephan Beutel vermutete zielsicher: »Das war schon sehr herb, wir haben uns alle gewundert. Der Mann muss schon sehr unter Druck stehen.« Wenige Wochen später war Henke entlassen.

Das Projekt »Cheftrainer Henke« war endgültig gescheitert

Beim Oberligisten FC Saarbrücken versuchte sich Henke erneut als starker Mann an der Außenlinie, seine Amtszeit währte allerdings nicht länger als fünf Monate, er übernahm anschließend den Posten des Sportdirektors. Das Projekt »Cheftrainer Henke« war endgültig gescheitert, was auch der Betroffene selbst anerkannte: »Ob ich unbedingt wieder Chef-Trainer sein werde, weiß ich nicht. Ich kann mir eher wieder einen Co-Trainer-Job bei einem großen Klub vorstellen, eben weil da die Tendenz zu Trainer-Teams geht.« Am 31. Januar 2007 beendete Henke auch seine Sportdirektor-Tätigkeit in Saarbrücken, sein Mentor Hitzfeld hatte gerufen – und sein Allzeit-Assistent Henke hörte sofort.

Die abgelaufene Saison war auch für Henke Balsam auf die geschundene Seele, ein Double zum Abschluss und die Arbeit mit Topspielern wie Franck Ribéry und Luca Toni blieben als Abschiedsgeschenk.

Doch wenn Ottmar Hitzfeld am 1. Juli 2008 den Schweizer Köbi Kuhn als »Nati«-Trainers ablösen wird, wird Henke nicht mehr an seiner Seite stehen. Hitzfelds Neuer heißt Michel Pont, der sich vor allem mit seiner Muttersprache für das Amt des Hitzfeld-Assistenten empfehlen konnte. »Eigentlich hätte ich gerne meinen langjährigen Assistenten Michael Henke mit in die Schweiz genommen«, trauerte Hitzfeld, »weil aber viele Gespräche mit den Spielern vor oder während einer Partie unter Druck passieren, ist es sehr wichtig, dass man sich korrekt versteht.« Pont spricht fließend französisch, Henkes angelernte Vokabular-Brocken reichen für das Multi-nationale Auswahlteam nicht aus.

Dass das Verhältnis Hitzfeld-Henke einmal an mangelnder Kommunikation enden würde, hätte man nun nicht gedacht.