Was macht eigentlich Roberto Baggio?

Gottes Zopf und Buddhas Beitrag

Roberto Baggios Spiel sucht bis heute seinesgleichen, doch seine Karriere wird für immer von einem Fehlschuss definiert sein. Vielleicht auch deshalb verabschiedete er sich aus der Fußballwelt. Warum er die Heimat verließ und wieso er seinen »Ballon d'Or« versteigerte.

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WM-Finale. Unentschieden nach 90 Minuten. Auch nach 120 Minuten kein Sieger. Im Elfmeterschießen trittst du zum entscheidenden Schuss an, als allerletzter. Wenn du vergibst, war’s das. Titel futsch, Träume zerbrochen, Finale verloren. Du legst dir den Ball zurecht, gehst einige Schritte zurück, läufst dann an – und knallst ihn volles Rohr über die Latte. Wie sich das wohl anfühlen muss?

»Es fühlte sich genau so an, wie man es erwarten würde.« Roberto Baggio muss es wissen. Dieser verschossene Elfmeter im Finale von 1994 gegen Brasilien dominiert retrospektiv zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung seine Karriere. Tragisch und unvollendet sind die Adjektive, die da hervorstechen. Doch mindestens ebenso oft ist von genial und magisch die Rede.

»Bring mich um, wenn du mich liebst«

Baggios Karriere ist quasi-legendär, nicht nur in Italien, sondern weltweit. Der Mann, dessen Position und Spielstil Michel Platini als »Neuneinhalb« bezeichnete, gilt vielen bis heute als einer der besten Fußballer des vergangenen Jahrhunderts. Seine Kreativität, seine Präzision und sein Freigeist auf und neben dem Platz suchen bis heute ihresgleichen. Die Welt sollte sich glücklich schätzen, sie erlebt zu haben.

Mit 18 Jahren wurde Baggio gesagt, er werde nie wieder Fußballspielen, nachdem er sich bei seinem ersten Profiklub in Vicenza das Knie verletzt hatte. Der Wechsel zur Fiorentina fand trotzdem statt, Baggio arbeitete am Comeback, debütierte in der Serie A – und verletzte sich eine Woche später am selben Knie erneut. Baggio konvertierte zum Buddhismus, um mit der Belastung besser umgehen zu können. 220 Stiche waren nötig, um das Gelenk zu reparieren, die Schmerzen grauenhaft, nicht zuletzt wegen seiner Allergie gegen Schmerzmittel. Seiner Mutter sagte er damals, wenn sie ihn liebe, solle sie ihn umbringen. 

Sie tat es nicht und ermöglichte eine der größten Karrieren – oder zumindest einen der besten Spieler – den die Fußballwelt in den 90ern und frühen 2000ern hatte. Obwohl er in 22 Jahren bei Florenz, Juve, Inter, Milan, Bologna und Brescia nur vier Titel gewann, verehren sie ihn in Italien bis heute als einen der Besten aller Zeiten. Als Giovanni Trappatoni ihn nicht zur Weltmeisterschaft 2002 mitnehmen wollte, starteten die Tifosi Petitionen und Baggio selbst schrieb einen Brief an den Nationaltrainer. Ohne Erfolg, doch immerhin wurde ihm 2004 ein Abschiedsspiel gewährt. Dort, ebenso wie bei seinem letzten Ligaspiel, wurde er mit minutenlangen stehenden Ovationen verabschiedet. Weil er auf dem Platz agierte, wie er wollte. Weil er einen wilden Zopf trug, wo alle fein gestriegelt waren. Weil er spielte, um die Leute glücklich zu machen.