Was läuft in Schwedens Fanszenen verkehrt?

Außer Rand und Band

Bei Turnieren galten schwedische Fußballfans stets als freundlich und kreativ. In der Heimat sorgen einige von ihnen regelmäßig für schwere Randale. Was ist nur passiert?

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Irgendwelche besonderen Vorkommnisse beim letzten Stockholm-Derby zwischen Djurgardens IF und AIK Solna? Eigentlich keine.

Gut, außerhalb des Stadions verhinderte die Polizei in letzter Sekunde eine generalstabsmäßig organisierte Boxerei zwischen den Hooligan-Firmen »Djurgardens Fina Grabbar« und »Firman Boys«. Außerdem endete das Match (AIK siegte 3:0) wegen endloser Rauchschwaden im Stadion eine halbe Stunde später als geplant. Und, richtig! Ein Polen-Böller detonierte inmitten der Fotografen. Einer erlitt ein Knalltrauma. Sonst war nichts.

Der wöchentliche Wahnsinn in der Allsvenskan

Da ging es diese Saison schon wesentlich härter zur Sache in Schweden. Einen Spieltag zuvor, beim AIK-Auftritt in Elfsborg (2:2), hatte die Gästekurve regelrecht gebrannt. Ein AIK-Fan hatte nach dem Anschlusstor für Elfsborg mit einem Bengalo mehrere Zaunfahnen angezündet. Ein Missgeschick mit tragischen Folgen: Aufgrund der Hitze und des beißenden Qualms entstand Panik, fünf Menschen wurden teils schwer verletzt.

Kein Feuer, dafür noch mehr Verletzte gab es im Januar, als 120 Djurgarden- und AIK-Haudraufs vor den Augen der ohnmächtigen Staatsmacht sechs Minuten nonstop aufeinander einprügelten. Als die Hools schließlich abrückten, fuhr einer von ihnen mit dem Auto einen Polizisten an. Ständig diese Stockholmer! Im April stürmte ein Hool beim Derby zwischen Djurgardens IF und Hammarby IF den Medienbereich und drosch wie von Sinnen auf einen TV-Reporter ein.

Szenen wie diese ereignen sich nahezu wöchentlich in der Allsvenskan, auch außerhalb der Hauptstadt.

Ein maskierter Fan rennt auf den Platz

Selbst Spieler sind mitunter in die Ausschreitungen verwickelt: Im April warf ein Fan von IFK Göteborg dem gegnerischen Ersatzmann Tobias Sana (Malmö FF) beim Aufwärmen während der Partie einen Böller vor die Füße. Als das Ding detonierte, rannte Sana wutentbrannt zur Eckfahne und schleuderte diese wie einen Speer in die IFK-Kurve. Unglaublich? Aber wahr! Genau wie diese Episode: Im August rannte ein maskierter Fan während des Spiels zwischen Jönköpings Södra und Östersunds FK auf den Platz und traktierte Gäste-Torwart Aly Keita mit Fausthieben (siehe Titel-Bild). Keita ging K.o., der Maskierte in Gewahrsam.


Tobias Sana (Malmö FF) schnappt sich die Eckfahne (Bild: Imago)

In der Heimat von Pippi Langstrumpf ist der Fußball außer Rand und Band! Der Boom, der in den vergangenen Jahren immer modernere und vollere Stadien beschert hat, frisst sich gerade selbst. »Es ist beklagenswert, dass einige Gewalttäter allen anderen den Fußball verderben«, erklärt Schwedens Innenminister Anders Ygeman und sagt Randalierern den Kampf an. Gerade hat er eine Initiative für ein totales Vermummungsverbot im Umfeld von Sportveranstaltungen auf den Weg gebracht. Das Gesetz soll zum Start der neuen Saison (im März) durchs Parlament sein.

Elektronische Fußfesseln im liberalen Schweden?

»Ich hoffe, dass sich dadurch weniger Personen vermummen und wir weniger Ordnungsstörungen zu beklagen haben«, betont Ygeman, »auch wenn das natürlich nicht gegen sämtliche Störungen im Fußball hilft.« Deshalb denkt Ygeman über weitere Anti-Hooligan-Maßnahmen wie Hausarrest und elektronische Fußfesseln nach – und das im liberalen Schweden! »Gewalt beim Fußball bindet viele Polizeiressourcen, die wir in heutigen Zeiten anderweitig brauchen könnten«, klagt der Minister. »Viele, die Stadionverbot haben, lungern an Spieltagen trotzdem in der Nähe herum.«

Man muss wissen: Der Sozialdemokrat Ygeman ist selbst Fußballfan. Keiner wie Gerhard Schröder, der sich mal diesen, mal jenen Klubschal umhängen ließ. Ygeman ist Lifelong-Djurgarden-Supporter. Als Jugendlicher stand er in der Kurve, fuhr mit dem Zug durchs halbe Land. Heute leidet er, weil Djurgarden seit fünf Jahren (!) kein Derby gegen AIK gewinnen konnte. Ygeman seufzt: »Ich bin mit einer AIK-Anhängerin verheiratet!« Doch noch mehr macht ihm die Gewalt zu schaffen: »Meine Kinder nehme ich nicht mehr mit zum Derby.«