Was ist mit Leicester los?

Die Hähnchenburger sind aus!

Meister Leicester City steckt mitten im Abstiegskampf. Claudio Ranieri ist Favorit auf den nächsten Rauswurf. Auf den Fluren im Stadion zeigt sich das Dilemma des Klubs.

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In Leicester wird fast jede Frage mit Fußball beantwortet. So mustert der ältere Herr mit dem Hund an der Leine erst einmal sein Gegenüber, als man ihn nach dem Weg zum Stadion fragt. Er entgegnet: »Hast du Schuhe dabei?« Schuhe? »Ja, Fußballschuhe. Schlechter als die Jungs auf dem Rasen kannst du es auch nicht machen.«

Seit Jahresbeginn ist der Galgenhumor zurückgekehrt in die Stadt des amtierenden Premier-League-Meisters. Vier Spiele hat Leicester in Folge verloren, seit fünf Spielen ist die Mannschaft ohne eigenen Treffer. Swansea City auf dem ersten Abstiegsplatz ist punktgleich mit Leicester – und wartet als kommender Gegner am Sonntag. Leicesters Mannschaft, die im vergangenen Jahr für ein veritables und weltweit beachtetes Fußballmärchen sorgte, sie spielt derzeit um nichts anderes als den Verbleib in der ersten Liga. »Es war peinlich«, erklärte Torwart Kasper Schmeichel nach der jüngsten Pleite gegen Manchester United und sprach einen Satz, der zunächst wie eine Banalität klang, aber gleichzeitig die aktuelle Misere pointiert erklärte: »Die vergangene Saison ist vorbei.«

So richtig ausblenden können sie in Leicester jedoch die guten, gar nicht mal alten Zeiten eben nicht. Am Stadion prangt auf einem überdimensionalen Plakat das Wort »Champions«, auf den Fluren hängen überall die gerahmten und frisch polierten Bilder der Meistersaison. Selbst der Presseraum ist voll mit übergroßen Zeitungsseiten vom Tag der großen Party im Haus von Stürmer Jamie Vardy.

Den Ernst der Lage repräsentieren höchstens die zusammen gezogenen Augenbrauen des Klubsprechers. Kurz vor der Pressekonferenz am Dienstag schreitet er mit einem Stapel DinA4-Zetteln durch den Raum. Er verteilt sie an die Anwesenden mit der Miene eines Mathelehrers nach entsetzlich ausgefallenen Klassenarbeiten. Dabei sollen die Sätze auf dem Papier ein Signal des Zusammenhalts ausstrahlen: »In Anbetracht der aktuellen Spekulationen will Leicester City Football Club absolut klar seine unumstößlichen Unterstützung für Trainer Claudio Ranieri ausdrücken.« Der gesamte Verein stehe weiterhin geschlossen hinter dem Coach und seinen Spielern, heißt es in der Erklärung weiter. Am Mittwoch verdeutlicht selbst der Besitzer des Klubs in Interviews und Umarmungen seine Treue zu Ranieri.

Ranieri holt die Vergangenheit wieder ein

Es ist selten, dass ein Verein sich so öffentlichkeitswirksam vor seinen Trainer wirft. Man könnte auch sagen: Ernster könnte die Lage nicht sein. Die englischen Journalisten im Raum interpretieren die Worte auf dem Papier dann ganz unsentimental als vermeintlichen »kiss of death«. Der Meistertrainer Ranieri ist erst vor einigen Wochen als »Welttrainer« ausgezeichnet worden. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich der Italiener mit dem Titel 2016 in der Stadt unsterblich gemacht hat. Die Gegenwart in der Premier League kommt aber unbarmherzig und frei von Nostalgie daher: Bei den Buchmachern ist Ranieri nunmehr der Topkandidat auf den nächsten Trainerrauswurf.

Es ist ein alter Spitzname, der Ranieri in dieser Saison wieder einholt. Auf der Insel nannten sie ihn den »Tinkerman« - einen, der die Aufstellung zu schnell wechselt. Er galt als perfektionistischer Tüftler, der solange am Mannschaftsgebilde bastelt, bis es wieder in sich zusammen bricht. Ranieri tauschte in dieser Saison tatsächlich sehr häufig die Startformation und das System. Medienberichten zufolge teilte er seiner Mannschaft eine Umstellung auf die 3-4-3-Formation erst eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff mit. Der Stürmer Shinji Okazaki soll sich beklagt haben, dass die Mannschaft mit den Wechseln heillos überfordert sei, hieß es in einer Radiosendung der BBC.