Was ist an Julian Nagelsmann dran?

Spielertrainer

Shootingstar, Wunderkind, nächster Bayern-Coach! Niemand wird so gelobt wie der Trainer der TSG Hoffenheim. Aber was ist dran am jüngsten Coach der Liga? Eine Trainingswoche mit Julian Nagelsmann.

Nikita Teryoshin
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Dienstag vor dem Spiel ist es eiskalt im Kraichgau, minus acht Grad. Der Platzwart fährt über den Trainingsplatz der TSG Hoffenheim, um eine dünne Lage Schnee abzufegen. Als die Spieler um Zehn zum Training aus der Kabine kommen, tragen fast alle Mützen. Auch Julian Nagelsmann hat eine mit Vereinswappen auf und eine dünne Daunenjacke übergezogen. Während der Übungen greift er nur gelegentlich ein, erklärt kurz und korrigiert.

Training, das nicht nur körperlich fordert

Die Arbeitswoche des jüngsten Trainers der Bundesligageschichte, der als eines der größten Talente seines Berufs in Europa und sogar schon als Nachfolger von Carlo Ancelotti beim FC Bayern gehandelt wird, beginnt mit Stangen und Hütchen. Nagelsmann hat unterschiedliche Stationen aufgebaut. An einer von ihnen werden die mehr als zwanzig Spieler auf einer Fläche zusammengepfercht, die so lang wie eine Spielfeldhälfte ist, aber nur gut 15 Meter breit. Die Enge zwingt die Spieler ständig in Zweikämpfe. In einer anderen Übung sollen sie den ersten Ball immer zuerst nach außen spielen. Immer wieder. Und zum Ende des Vormittagstrainings stehen plötzlich vier Tore auf dem Platz, zwei Fußballtore und zwei so groß beim Eishockey. Einem kleinen steht auf der anderen Seite des Spielfelds ein großes Tor gegenüber, weshalb der Platz wie ein Parallelogramm mit ständigen weiten Flügelwechseln bespielt wird.

Wie auf allen Trainingsplätzen der Welt verfluchen auch die Hoffenheimer Spieler ihre Fehlschüsse, bejubeln Tore oder feuern ihre Mitspieler an. Aber weniger Gequassel ist zu hören. Die Spieler sind zu sehr damit beschäftigt, sich auf die komplizierten Vorgaben zu konzentrieren. Einige Übungen sehen nicht nur seltsam aus, oft gibt es auch sonderliche Zusatzregeln, wann die Spieler wohin passen müssen oder wann sie aufs Tor schießen dürfen. Verteidiger Benjamin Hübner, der im Sommer vom FC Ingolstadt kam, erzählt später, dass er einige Wochen brauchte, bis er das alles so richtig begriffen hatte. Als die Spieler vom Platz gehen, spürt man, dass sie dieses Training nicht nur körperlich gefordert hat.

Die Schlange

Die TSG Hoffenheim war nach der Hinrunde nicht nur Dritter und als einziger Bundesligist noch ungeschlagen, Nagelsmanns Team spielte auch schönen Fußball. Jedenfalls, wenn das bedeutet, dass die Mannschaft nicht nur Fehler der Gegner ausnutzen will, wie das inzwischen fast alle versuchen. Einfach erkauft ist diese Schönheit auch nicht, zehn Klubs in der Bundesliga geben mehr fürs Personal aus. »Ich bin stolz darauf, wie wir spielen: Dass wir nicht nur wie das Mäuschen vor der Schlange rumtänzeln, sondern auch selber mal die Schlange sein wollen«, sagt Nagelsmann.

Als er die Mannschaft übernahm, fand er dort ziemlich arme Mäuschen vor. Im Februar 2016 stand sie auf dem vorletzten Tabellenplatz; der Neue, damals 28 Jahre alt, rettete die TSG Hoffenheim ziemlich souverän vor dem Abstieg. Anschließend nahm der Klub durch Transfers zwölf Millionen mehr ein, als er ausgab, und stellt nun trotzdem ein Team, das nächstes Jahr erstmals europäisch spielen könnte. Ist Nagelsmann also ein Wunderkind, wie viele Zeitungen schreiben?

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