Was hat Ronaldos Wutrede zu bedeuten?

Das Machtvakuum

Nach dem Abschied von Iker Casillas ist ein Machtvakuum entstanden, das Sergio Ramos nicht allein füllen kann. Allein schon deshalb nicht, weil sein angespanntes Verhältnis zu Ronaldo immer wieder für Missstimmung zwischen den Parteien sorgt. In dieser Atmosphäre hat Ronaldo keine Mannschaftsschelte für seine Aussagen zu fürchten.

Seine Gruppe ist die zahlenmäßig größte im Kader, außerdem ist er wegen der vorbildlichen Arbeitseinstellung sehr respektiert. Er ist meist der Erste, der kommt und der Letzte, der geht. Dass er sich momentan im Training gehen lasse, wie die Zeitung »Sport« wissen will, darf eher bezweifelt werden. Das Blatt kommt aus Barcelona und steht dem größten Fußballklub der Stadt sehr nahe.

»Es wird im Sommer Wechsel geben«

Ob Ronaldo mit seinen Aussagen etwas bezwecken wollte? Etwa einen vorzeitigen Abschied aus Madrid, wie einige vermuten?

Vor dem Spiel gegen Levante sagte Trainer Zinedine Zidane: »Es wird im Sommer Wechsel geben. Einige Spieler werden uns verlassen.« Etwa auch Ronaldo? Wohl eher nicht. Es halten sich zwar seit einiger Zeit Gerüchte, Ronaldo würde es im Sommer zu Paris Saint Germain ziehen, aber auf der anderen Seite bemühen sich die Franzosen um eine weitere Zusammenarbeit mit Zlatan Ibrahimovic, der bei keiner Gelegenheit unerwähnt lässt, dass PSG sein Team sei. So etwa, nachdem sich Ronaldo im Herbst beim Aufeinandertreffen beider Klubs auffallend freundlich mit PSG-Trainer Laurent Blanc unterhalten hatte.

Ibrahimovic und Ronaldo in einem Team scheint aufgrund der Persönlichkeitsstruktur beider eher unwahrscheinlich. Obwohl Paris zu den wenigen Klubs dieser Welt gehört, die sich Ronaldo leisten könnten. Das träfe auch auf Manchester United zu, Ronaldos Ex-Klub, bei dem im Sommer aller Voraussicht nach José Mourinho übernimmt. Über eine Rückkehr sinnieren englische Medien seit geraumer Zeit. Anders als in Madrid ist das Publikum im Old Trafford Ronaldo wohl gesonnen. Sportlich könnte ManU den verlorenen Sohn nur zu gut gebrauchen, aber das lässt sich abgesehen vom FC Barcelona wohl über jede Mannschaft dieser Welt sagen. Auch über Real Madrid.

»In welchen Kreis Unfähiger habe ich mich bloß begeben?«

Vor dem Hintergrund, dass Real in den kommenden Transferperioden keine Spieler verpflichten darf, ist es doch recht unwahrscheinlich, dass man den besten Spieler abgibt, auch wenn sich die Trauer über Ronaldos Abschied bei einigen Fans wohl in Grenzen halten würde.

Trotz seiner Tore wird der Portugiese von den Madridistas nicht geliebt, höchstens respektiert. Wenn es nicht läuft, gehört er zu den ersten, die ausgepfiffen werden. Seine selbstverliebte Art, der offensichtliche Mangel an Empathie und die Geringschätzung seiner Mitspieler stoßen dem Publikum auf. Über Ronaldos Gestik bei Gegentoren schrieb Ayala Dip: »Er wirkt dann, als denke er ›Mein Gott, in welchen Kreis Unfähiger habe ich mich bloß begeben?‹«

So werden Ronaldos Aussagen in Spanien am ehesten als die eines ewigen Trotzkopfs interpretiert, der einfach mal wieder Dampf ablassen muss, ehe er dann wieder drei, vier oder fünf Tore in einem Spiel schießt. Vielleicht nicht die schlechteste Art, die Dinge zu betrachten.