Was hat Ronaldos Wutrede zu bedeuten?

Im Kreis der Unfähigen

Nach der Niederlage gegen Atletico Madrid zog Cristiano Ronaldo über seine Mitspieler her wie noch nie. Wollte er damit was bezwecken?

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Beim Verlassen der Tiefgarage wartete auf die Spieler von Real Madrid noch ein kleiner Feierabendgruß. Eine Gruppe von Fans hatte sich nach dem 0:1 im Derby gegen Atletico an der Ausfahrt versammelt und rief jedem ein empörtes »Mercenarios«, hinterher. Söldner. Cristiano Ronaldo konnte das so nicht stehen lassen, blaffte etwas Unverständliches zurück, ehe er in seiner Luxuskarosse davon brauste. Das war Samstag. Seitdem herrscht Aufregung am Hofstaate Reals, was vor allem damit zu tun hat, dass Ronaldo sich etliche Minuten vor seinem Verschwinden klar und deutlich geäußert hatte. 

Er tat das in einer Art und Weise, die tief in sein Seelenleben blicken ließ. Es waren keine dieser Retortensätze, die dem Geiste gewiefter Medienberater entspringen und die dann zum Auswendiglernen an die Fußballer verteilt werden. Kein »Wir gewinnen oder verlieren zusammen« oder »Jetzt gilt es, das Spiel zu analysieren und gestärkt daraus hervorzugehen.« Nicht mal ein »noch ist rechnerisch alles möglich«.

»Wenn die Besten fehlen, merkt man das«

Nein, Ronaldo schimpfte sich so richtig in Rage. Über die Gurkentruppe, in der er spielen muss, die Kritik an seiner Person und die verlorene Meisterschaft. Das klang dann so: »Wir haben besser gespielt als Atletico, hatten aber leider kein Glück. Atletico hatte in der zweiten Halbzeit eine Chance, die haben sie genutzt.«

Das stand zwar in krassem Gegensatz zu dem tatsächlichen Spielgeschehen, war aber noch harmlos im Vergleich zu Ronaldos Einzelkritik an den Kollegen. »Es ist schwer, ohne die Besten zu gewinnen. Uns haben Karim, Pepe, Bale und Marcelo gefehlt. Ich sage nicht, dass die, die gespielt haben, Lucas, Jese und Kovacevic, keinen guten Spieler sind, aber wenn die Besten fehlen, merkt man das. Ich sage auch nicht, dass Danilo nicht gut war. Gegen Atletico war er der Beste, aber auf lange Sicht merkt man einfach, wenn Marcelo nicht da ist.«

Dass er in den vergangenen Wochen schlecht gespielt hätte, für Ronaldo eine dreiste Unterstellung. »Alle sagen Cris ist schlecht. Aber wenn ich mir die Saison mit den vermeintlich besten Spielern so ansehe, sehe ich mich nah bei ihnen. In der Champions League sehe ich niemanden auch nur ansatzweise in meiner Nähe. Die Presse in Spanien ist ungerecht zu mir. Immer. Hier diskutiert man meinen Wert. Als wäre ich Scheiße! Aber die Statistiken lügen nicht. Schaut auf die Statistiken!«

»Wenn alle auf meinem Niveau wären, wären wir vermutlich Erster.«

Der Vulkan spuckte da schon längst Feuer, den eigentlichen Ausbruch hob er sich aber zum Schluss auf: »Wenn alle auf meinem Niveau wären, wären wir vermutlich längst Erster.«

Vielleicht ist das sogar wahr, nur lässt sich solch ein Satz und die namentliche Kritik an den Mitspielern schwer mit den Verhaltensregeln eines Mannschaftssportlern vereinen. Da half es auch wenig, dass sich Ronaldo am nächsten Tag angeblich per Whatsapp bei den erwähnten Kollegen entschuldigte.

Spaniens Presse fühlte sich bestätigt und sah in Ronaldos Aussagen nur einen weiteren Beweis für die Überlegenheit des FC Barcelona. Der Kolumnist und Autor Ernesto Ayala Dip stellte sogar in Frage, ob Real mit elf Ronaldos tatsächlich Erster wäre. »Das ist nicht so einfach zu sagen, wenn man betrachtet, wer die Liga mit zwölf Punkten anführt. Diese Mannschaft ist der FC Barcelona, wo jeder Spieler auf Messis Niveau ist.

Als im vergangenen Jahr Real Sociedad und andere Mannschaften Barcelona das Leben schwer machten, reklamierte dort niemand, dass die anderen nicht auf seinem Niveau sind. So etwas macht man nicht, man beschuldigt nicht die Anderen, schon gar nicht nach einer Niederlage gegen einen großen Rivalen«, schrieb Ayala Dip. 

Die beste Ich-AG des Weltfußballs

Und flux war eine Debatte aufgemacht, die die Verantwortlichen von Real Madrid im inneren Führungszirkel schon lange führen. Ronaldo mag sämtliche Vereinsrekorde gebrochen haben und viele Titel, vor allem der Champions-League-Sieg 2014 wäre ohne ihn nicht möglich gewesen, aber im Unterschied zu anderen Vereinsikonen wie Alfredo di Stefano, Francisco Gento, Manolo, Raul oder Zinedine Zidane ist er kein Anführer. Keiner, der versucht, die Mannschaft zusammenzuhalten und ihr Wohl über das eigene zu stellen. Ronaldo ist und bleibt die am besten funktionierende Ich-AG des Weltfußballs. Letzte Hoffnungen, er würde mit fortschreitendem Alter Leaderqualitäten entwickeln, dürften sich mit seinen Aussagen vom Wochenende zerschlagen haben.

Dabei benötigt Real gerade jetzt Spieler, die das Team zusammenhalten. Real erlebt eine schwierige Saison, Trainerwechsel im Winter, im nationalen Pokal blamiert mit einem Wechselfehler und die Meisterschaft verspielt. Mannschaftsintern soll Gruppenbildung herrschen. Spanier (Sergio Ramos, Jesé, Arbeloa) und die Leute des Beraters Jorge Mendes (Ronaldo, Pepe, James) plus Marcelo, Isco und Benzema würden ihr Ding machen, die Europäer (Kroos, Modric, Kovacevic und Bale) seien weitesgehend isoliert.