Was geht eigentlich im russischen Amateurfußball?

Eine erfolgreiche Auswärtsfahrt

Amateurfußball ist in England oder Deutschland wieder en vogue. Die Fans flüchten vor den Arenen, den Preisen und all den Regeln des Profiapparats. Auf englischen Non-League-Grounds finden sie einen Fußball vor, wie er früher war. Sie dürfen dort all das tun, was in den Premier-League-Stadien verboten ist: Bier trinken, rauchen, schimpfen und vor allem stehen. Es gibt unzählige Amateurfußball-Websites, Blogs, Videoformate, Fanzines. Der »Non-League-Day« in England und den »Tag der Amateure« in Deutschland erfreuen sich großer Beliebtheit. In Russland ist diese alternative Bewegung noch recht überschaubar. Die meisten Fans in Russland gehen schlichtweg gar nicht mehr zum einheimischen Fußball. Dynamo Moskau hatte in der abgelaufenen Saison einen Zuschauerschnitt von 6700. Die Gründe? Der Fußball ist zu schlecht, sagen die einen. Der Sport ist korrupt, glauben die anderen. Fan-Aktivisten sagen, der Begriff »Fußballfan« müsse wieder positiv besetzt werden, aber das dauert eben. Vor allem wenn alle paar Wochen irgendwo eine SS-Banner in der Kurve hängt oder Hooligans sich die Köpfe einschlagen.


Sergei, einer von zwei Auswärtsfans, ist stolz: Sein FC Zelenograd hat Strogino II aus dem eigenen Stadion geschossen.

Sergei, einer der zwei Zelenograd-Fans im Strogino-Stadion, sagt, der Profifußball interessiere ihn nicht. Spartak, ZSKA, Lokomotive – alles zu groß, zu anonym. Er schaut lieber zwei bis drei Spiele seines Teams im Monat. Mehr Zeit habe er allerdings nicht, viel Arbeit. Was er mache, will man wissen. »Ich arbeite für einen Millionär.« Wie bitte? »Ich bin sein Manager. Oh, Moment...« Zelenograd greift an, Sergei hüpft nervös an der Seite, es steht bereits 4:0. »Nein, nichts. Chance vertan.«

Am Ende gewinnt Zelenograd leicht mit 5:0. Sergey stellt sich vor die Anzeigetafel und präsentiert stolz das Ergebnis.


Die Ein-Mann-Ultra-Gruppe bläst 90 Minute eine Tröte.

Ein paar Meter weiter steht der russische Louis de Funes, er ist jedes Mal da, eine kleine Zelenograd-Berühmtheit. Heute hat er als Ein-Mann-Ultra-Gruppe 90 Minute ausdauernd eine Tröte geblasen. Jetzt ist er ein wenig erschöpft. »Sehr gut«, sagt er schließlich auf Deutsch, und dann verabschiedet er sich mit einem festen Händedruck. Er nimmt seine Plastiktüte und trottet am Fuße des Flutlichts vorbei. Im Hintergrund die Moskwa, ein paar Radfahrer, Jogger, und irgendwo ganz weit weg Zehntausende auf dem Fifa-Fanfest, die Nigerias Sieg gegen die Schweiz bejubeln. Ein letztes Mal bläst Louis de Funes in die Tröte. »Sehr gut, Zelenograd!«