Was geht eigentlich im russischen Amateurfußball?

Zu Gast beim FC Strogino II

In Russland kann man ganz wunderbar Stadionhopping machen. In zahlreichen Städten und Vierteln strecken sich die Flutlichter der alten Sowjetbauten in den Himmel. Mal flankieren Plattenbauten die Plätze, an anderen Orten umschmeicheln sie alte Atomkraftwerke oder Militäranlagen, im Stadion FOP Izmailovo des SportAcademClub Moskva steht ein alter Kampfflieger hinter dem Tor. Die meisten Stadion haben gemein, dass wirklich alles an ihnen dinosauerartig groß ist: die Anzeigetafeln, die Flutlichter, die Tribünen. Selbst wenn die Stadien nur 10.000 oder 15.000 Zuschauer fassen, liegen sie dort breit und schwer und fett wie Riesenechsen. Als wollten sie sagen: Hier bekommt mich niemand mehr weg – und wenn ich aussterbe, bleibt mein Kadaver hier fünftausend weitere Jahre liegen.

Das Millwall von Moskau

Ein Highlight ist das Eduard-Strelzow-Stadion von Torpedo Moskau, benannt nach der großen Klublegende aus den fünfziger und sechziger Jahren. Ein Urviech. Wenn man den Eingang an der Vostochnaya Straße passiert, wandert man einen Pfad hinab, die Flutlichter erkennt man bereits, und durch die Büsche sieht man nach ein paar Metern die mächtigen Tribünen. 13.000 Zuschauer fasst das Stadion angeblich. Im Schnitt kommen kaum mehr als 3000 Fans zu den Spielen, denn die Mannschaft, die einst im Europapokal gegen Sevilla und Manchester United gewann, kickt mittlerweile nur noch in der Dritten Liga.

Die Moskauer Fußballfans nennen Torpedo den FC Millwall von Russland. Es ist hart und dreckig und manchmal auch asozial. Auf der Tribüne stehen Männer, die aussehen, wie sich Westeuropäer Russen vorstellen: breite Schultern, dichte Bärte, halbfertige Tattoos. Männer, die sich zum Spaß mit anderen Männern raufen und manchmal auch mit Bären.

Beim FK Strogino II ist alles eine Nummer kleiner. Das Yantar-Stadion bietet Platz für 2000 Zuschauer. Am Eingang sitzt ein Mann, der uns den Weg in den Spielertunnel weist. Wir schauen ihn fragend an, neinnein, wir sind nicht die Gastmannschaft, aber er nickt, schon okay, da geht’s zur Tribüne.



Neben dem Spielertunnel führt ein kleiner Gang in ein Café, dort gibt es Schokoriegel, Getränke (kein Bier) und Teigwaren, die aussehen, als hätten sie schon zu UdSSR-Zeiten hier gelegen. Eine Art Hotdog kostet 150 Rubel. Wobei, es ist eher ein kaltes Wurstbrötchen, ohne Mayo, ohne Ketchup, ein Cold Dog. Der lauwarme Orangensaft spült die Köstlichkeit die Kehle runter.

Der Platz wird umrahmt von einer Tartanbahn, zwei Tribünen, ein paar VIP-Plätze gibt es auch. Das Spiel beginnt mit 19-minütiger Verspätung, der Andrang heute scheint zu groß: 23 Zuschauer, zwei Auswärtsfans des FC Zelenograd. Ein gut gelaunter älterer Herr, Typ russischer Louis de Funes, heißt uns mit Handschlag willkommen. »Dobryy den.« Guten Tag.