Was geht ab in Liga Zwei?

»Little Bremen« in NRW

Der FSV Frankfurt distanziert sich von der  »Schlachtbank«, Torsten Oehrl trifft in seinem Vorgarten, und Augsburgs Simon Jentzsch würde eine gute Figur beim Wrestling abgeben – unser Rückblick auf den 23. Spieltag in Liga 2! Was geht ab in Liga Zwei?
Ketschen mit Simon

Simon Jentzsch könnte auch Wrestler sein. Die schrankhafte Statur, die vor Pomade strotzende Frisur, die Sunnyboy-Attitüde – der Augsburger Keeper verkörpert die Ideale eines echten WWE-Champions. Im Tag Team mit Daniel van Buyten sicher unbesiegbar, wenn beim Ketschen nicht eh‘ alles abgekatert wäre.

[ad]

So wirkte der Routinier auch nach dem 1:0 in Rostock, als hätte er soeben den Gürtel des Intercontinental Champions oder einen vergleichbaren Titel errungen: Ein Handtuch über die Schulter geworfen, Kaugummi kauend und mit einem dicken Grinsen auf den Backen flanierte Jentzsch nach dem Abpfiff übers Spielfeld der DKB-Arena, es fehlte nur noch der Zahnstocher zwischen den Kauleisten. Diese Zufriedenheit ist durchaus angebracht. Denn der 33-Jährige – letzte Saison noch in Wolfsburg ausgebootet und ohne Profi-Einsatz – steht längst wieder voll im Saft. Gelang in den ersten 14 Begegnungen der aktuellen Spielzeit kein einziges Zu-Null, blieb die Linie des Halb-Engländers Jentzsch in der Folge fünfmal, zuletzt dreimal am Stück, unpassiert. 

Zugegeben: Die Rostocker Offensive – bei Hansa traf zuletzt am 13. Spieltag gegen Karlsruhe ein Stürmer – nötigte dem Augsburger Hünen auch keine Glanzmomente ab. Doch wenn es drauf ankam, wie zum Beispiel nach zehn Minuten blank gegen Kai Bülow, war der gebürtige Düsseldorfer zur Stelle, sodass Nando Rafaels Einschuss zum erneuten Dreier für den FCA reichte.  

Eiskalt wie ein Januar-Morgen

In Jentzsch' Heimatstadt indes hätten sie lieber einen Patzer der Fuggerstädter gesehen. Denn die Fortuna will vorbei an Augsburg, um sich in der Aufstiegszone einzunisten. Und da gehört der Traditionsklub mit Leistungen wie beim 4:0 über Ahlen auch hin. Eiskalt wie ein Januar-Morgen präsentierten sich die Düsseldorfer und brachten in der ersten Stunde des Spiels fast alles, was sie vor die Füße bekamen, im Netz hinter dem zuletzt unbezwingbaren Sascha Kirschstein unter. Dieser polterte nach der Pleite bei Sky gegen einige seiner rot-weißen Mitspieler, die es mit der Disziplin offenbar nicht so eng sehen und zu spät zu Training und Mannschaftsbesprechung erscheinen. »Wir müssen das alles konsequenter durchziehen. Für einige von uns geht es hier um den Job – wer will schon einen vom Tabellen-Achtzehnten haben?«  

Gute Frage. Die Düsseldorfer wohl eher nicht, denn die bedienen sich lieber in elitäreren Kreisen. So ist in der NRW-Hauptstadt eine Art »Little Bremen« entstanden, wo derzeit ausgelassene Partystimmung herrscht: Der früher selbst bei Werder kickende Coach Norbert Meier (242 Spiele) hat sich mit Martin Harnik und Torsten Oehrl zwei Bremer Leihgaben ins Nest geholt, die es gegen Schlusslicht Ahlen krachen ließen: Oehrl donnerte selbst nach einer Paolo-Sergio-Gedächtnis-Mitnahme sehenswert zum 2:0 ein und legte kurz nach der Pause maßgenau das 3:0 für seinen österreichischen Sturmpartner Harnik (11. Saisontor) auf. Zumindest Oehrl dürfte also nach seinem ersehnten Premierentor für Fortuna noch die ganze Nacht im Stadion einen drauf gemacht haben – er wohnt zurzeit in einem Zimmer des  »Tulip Inn«, dem Hotel im Herzen der Düsseldorfer Arena.  

Im Clinch mit dem Gefolge

In Bielefeld wollte garantiert keiner der gepeinigten DSC-Matadore freiwillig in der Arena nächtigen. Wütend hatten ihre Anhänger sie und ihren Trainer Thomas Gerstner nach dem 1:2 im Verfolger-Vergleich mit Duisburg aus dem Stadion gepfiffen. Ausgerechnet Arne Feick, noch ohne Tor für Bielefeld, bugsierte das Runde nach 79 Minuten zum Endstand ins eigene Eckige. Im Clinch mit dem eigenen Gefolge, zeigten die Arminen und ihr Coach allerdings Verständnis für die akustischen Attacken. »Ich kann den Unmut der Fans verstehen. Wir müssen in den nächsten elf Spielen von der ersten Sekunde an voll da sein«, forderte Gerstner auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Höchste Zeit wird’s, denn der aktuelle fünfte Platz ist Arminias Tabellen-Tiefststand seit dem 5. Spieltag.  

Pekka schubst den Schiri

Über Jammern auf diesem Niveau können sie beim FSV Frankfurt nur prustend lachen. Nach dem hart erkämpften wie verdienten 2:1 gegen den KSC kraxelte das Team vom Main auf den Rettung verheißenden Relegationsplatz 16. Es ist nach dem 1. und 17. Spieltag das erste Mal, dass der FSV nicht auf einem direkten Qualiplatz für Liga 3 steht. Dabei musste die Truppe von Hans-Jürgen Boysen vor der Bejubelung des Dreiers einige personelle Nackenschläge wegstecken: Beim Aufwärmen verletzte sich der wichtige Kapitän Sead Mehic, sein Vertreter Pekka Lagerblom musste nach 41 Minuten mit Faserriss raus. Dabei hatte der Ex-Schwager von Chanteuse Sarah Connor kurz zuvor für eine der spektakulärsten Szenen der Begegnung gesorgt, als er sich im engen Zweikampfgewühl – wohl verwirrt – dafür entschied, Schiri Schößling umzuschubsen, statt Gegenspieler Matthias Zimmermann zu bremsen.  

Die Aktion bleib aber ungeahndet. Und im Gegensatz zu Lagerblom konnte der gestürzte Spielleiter weitermachen, schickte noch den offenbar zu vorlauten KSC-Coach Schupp auf die Tribüne und zeigte zwei Minuten zum dritten Mal gen Mittelpunkt. Der starke FSV-Spielmacher Jürgen Gjasula, vergangene Saison noch mit dem FC Basel in der Champions League unterwegs, hatte seine Darbietung just mit dem 2:1-Siegtor gekrönt. Der neuerliche Erfolg für die Hessen unter den Augen ihres Ex-Ex-Ex-Ex-Ex-Coaches Dragoslav Stepanovic (1985-87) verleiht erstmal neue Luft zum Atmen. Die Spieler scheinen es also ganz mit dem Credo ihre aktuellen Übungsleiters Boysen zu halten, welches dieser unlängst verkündet hatte. Nicht ganz so klangvoll wie Stepis »Lebbe geht weider«, aber ähnlich anmutig: »Isch lass' misch net freiwillisch zur Schlachtbank führe!«