Was die Nationalelf von Bayern und Dortmund lernen muss

Löws Elf braucht ein Epos

Die Borussia, der dies in der Gruppenphase gegen Real Madrid bereits einmal gelungen ist, geht mit einer archaischen Energie in die Vorschlussrunde, die beim Sieg gegen Malaga in geradezu überzeichneter Weise zu Tage trat. Hier werden Bälle ins Tor geliebt und, wenn es sein muss, auch mal gehasst. Der FC Bayern ist um ein einige Grad kälter (mit Ausnahme von Matthias Sammer und Uli Hoeneß), aber nicht weniger entschlossen: Aus dem verlorenen »Finale dahoam« ist die Mannschaft gestärkt hervorgegangen, und das ist schon der größte Sieg – nämlich über all jene, die behaupteten, die Niederlage gegen Chelsea würde sie brechen. Nun zeichnet sie ein hartgekochter Ehrgeiz aus, der manchen Beobachter schon denken ließ: »Nun freut euch doch mal!« Aber sie wollen sich eben nicht noch einmal zu früh freuen.

Tanzen, bis der Gegner tot umfällt

Dortmund erwürgt seine Gegner, Bayern erschießt sie mit dem Schalldämpfer. Löw allerdings, das Gefühl wird man nicht ganz los, will mit ihnen tanzen, bis sie tot umfallen. Das ist schön, muss aber nicht klappen. Und das wäre, wenn man Oliver Bierhoff glaubt, dem Manager der Nationalmannschaft, ja auch gar nicht weiter schimm. Der WM-Titel, dachte er vor kurzem laut, sei »ein Ding der Unmöglichkeit«. Eine vorauseilende Entschuldigung für das noch gar nicht eingetretene Scheitern? Musketier Robin Dutt fand das sofort gut: »Damit hat er erreicht, was er erreichen wollte: ein bisschen Druck von der Mannschaft nehmen.«

Aussagen, die, wenn auch nicht absichtlich so gemeint, schlaff klingen und schlaff machen. Das können der FC Bayern und Borussia Dortmund, jenseits vom Zweikämpfen und Manndeckung, tatsächlich besser: Sie setzen sich unter Druck. Weil sie ihn nicht nur aushalten, sondern wissen, dass sie ihn brauchen. Und auch wenn ihre ureigenen Erzählungen des Jahres 2013 nicht ohne Weiteres auf die Nationalmannschaft zu übertragen sind: Löw täte gut daran, den Ehrgeiz und die Resistenz dieser Spieler in seinen Kompetenzbereich herüberzuretten. Er täte auch gut daran, eine eigene Erzählung zu ersinnen, die von vielen vergeblichen Versuchen, vom Wiederaufstehen und von Revanche handelt. Und nicht von einem stattgefundenen und einem abgesagten Auftritt mit Xavier Naidoo auf der Fanmeile am Brandenburger Tor. Die Nationalmannschaft braucht ein Epos, das nach einem Happy End schreit. Eine, wie man so schön sagt, Erfolgsgeschichte.

Von sich erzählen, immer wieder, und darüber den Glauben an sich selbst stärken: Das beherrschen der FC Bayern und Borussia Dortmund meisterlich. Löw kann und sollte von ihnen lernen. Wobei es seltsam ist, dass gerade in seinem Bereich, wo die Gespräche sich so intensiv um die psychologische Komponente des Fußballs drehen wie nirgends sonst, die Kraft der Narration kaum eine Rolle spielt. Aber es ist ja nie zu spät, sich selbst stark zu reden bzw. zu erzählen. Wenn Löw dann eines Tages behauptet, die Nationalmannschaft habe etwas besser gemacht als der FC Bayern – Matthias Sammer wäre wohl auf eine herrlich verrückte Weise zufrieden. Wir wollen doch alle das gleiche, oder etwa nicht? Den allermaximalsten Erfolg.