Was denkst du, Schatz?

»Kahn ist der große Verlierer«

Wie nach jedem Bundesliga-Wochenende sprachen wir mit dem Urgestein Dieter Schatzschneider und erörterten die brennendsten Fragen: Wird Jan Simak wieder zum Superstar? Geht Robert Enke zu den Bayern? Und was macht Mirko Slomka? Was denkst du, Schatz?

Herr Schatzschneider, Sie haben die Fernsehbilder aus Frankfurt sicher noch vor Augen. Was sagen Sie zu solchen Ausschreitungen auf der Tribüne?

Dieses Geschmeiße hat es schon immer gegeben. Es ist einfach schade, dass es in all der Zeit immer noch nicht verhindert werden kann. Jetzt müssen zwei Vereine bestraft werden, die voll und ganz hinter ihren Fans stehen und im Grunde gar nichts dafür können. Wenn jemand etwas ins Stadion schmuggeln will, dann schafft er es auch. Das können die Fans nur mit Zivilcourage untereinander klären.

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Haben Sie als Spieler einmal etwas Vergleichbares erlebt?

Zum Glück nicht. Raketen sind neben mir nie eingeschlagen. Ich will auch noch einmal betonen: Ich habe Hochachtung vor den Fans, weil ich wirklich der Meinung bin, dass sich die Fankultur sehr positiv entwickelt hat. Wenn ich auf Schalke bin, dann schreien die hinter mir immer »Schaaaalke« - und von gegenüber kommt dann das »Schaaaalke« zurück. Da läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter! Und die anderen sind halt Chaoten, gegen die kommst du nicht an, da kannst du noch fünfzig Platzverbote aussprechen.

In Kaiserslautern hat es auch ein denkwürdiges Bild in der Kurve gegeben. FCK-Trainer Sasic schickte seine Profis nach der Pleite gegen Hoffenheim zu den Fans. Sie sollten sich den Frust ihrer Anhänger selbst anhören. Glauben Sie, solche Eindrücke können die heutigen Spieler noch beeindrucken?

Ich weiß nicht, ob das so richtig gewesen ist. Man kann immer mit reinem Gewissen vor jeden Fan treten, wenn man alles gegeben hat - aber Kaiserslautern ist einfach nicht mehr Kaiserslautern. Die haben doch davon gelebt, dass sich ein Briegel vier Mann auf den Buckel gespannt hat und losgelaufen ist. Da wurde jeder Zentimeter umgepflügt! Die Trainer in der Vergangenheit haben viel zu oft versucht, etwas spielerisches aufzubauen. Aber das ist einfach nicht der Betze! Ich hoffe, dass der Stefan Kuntz als neuer Vorstandsvorsitzender schnell an diese alten Zeiten anknüpfen kann.

Waren Sie auch einmal dem Zorn der Fans ausgesetzt?

Früher gab es ja diese ganzen Absperrungen noch nicht. Sobald du aus der Kabine kamst, warst du unter den Fans. Und wenn ich in Hannover einen Elfmeter verschossen habe und das Spiel ging verloren, dann war die Stimmung natürlich aufgeheizt. Wenn mich da einer angemacht hat, habe ich meine Tasche hingestellt und gesagt: »Was ist los? Komm doch her! Wir können das auch anders regeln.« Wenn mich irgendetwas gepackt hat, ist mir alles egal gewesen. Ich war ein Heißsporn. In Gladbach war es auch immer schön, wenn wir mit dem HSV zu Gast waren. Die haben immer »Schatzschneider ist homesexuell« gesungen. Das stimmte natürlich nicht, aber ich hätte am liebsten mal mitgesungen - ich fand die Melodie immer so schön. (lacht)

Auch Jürgen Klinsmann erregte am Wochenende die Gemüter. Darf ein Trainer sein zukünftiges Team etwa von der Tribüne aus nicht beobachten?

Ach! (stöhnt) Die Gemüter erregt doch eigentlich der Kahn - oder der Effenberg, das ist doch auch so ein Luntenleger. Natürlich hat ein Jürgen Klinsmann das Recht, sich seine Mannschaft anzugucken. Wenn man es mal ganz nüchtern betrachtet, ist doch Oliver Kahn der ganz große Verlierer. Früher wurde immer gesagt, er könne Nachfolger von Uli Hoeneß werden, aber er wird bei den Bayern keine Zukunft haben.

Eben dieser Klinsmann berief nun Walther Junghans als neuen Torwarttrainer in seinen Stab. Weil Junghans vor Jahren schon Torwarttrainer von Robert Enke in Lissabon war und 96 in diesen Tagen Torwarttalent Fromlowitz verpflichtete, brodelt die Gerüchteküche in Hannover. Geht Enke nun zu den Bayern oder nicht?

Das wäre eine Politik, die ich gar nicht verstehen würde. Wenn ich Hoeneß wäre und ich hätte ein Torwartproblem, dann kann ich mir als FC Bayern München doch den Manuel Neuer oder den René Adler leisten - da würde ich doch nicht auf einen 31-jährigen Robert Enke zurückgreifen. Adler und auch Neuer gehört die Zukunft. Nach der EM wird einer der beiden die neue Nummer 1 sein.

Rober Enke bleibt also in Hannover?

Ja, natürlich. Der soll sein Wort halten und hier mit der Mannschaft in Hannover etwas aufbauen. Und umgekehrt braucht 96 auch einen erstklassigen Torwart - unbedingt.

Hannover 96 bräuchte auch unbedingt einen echten Zehner. Sind Sie eigentlich sehr enttäuscht, dass sich ein Jan Simak gegen das Angebot der Roten ausgesprochen hat?

Ich bezweifle stark, dass Jan Simak in Stuttgart eine große Nummer wird. Jan spielt immer noch auf einem technisch hohen Niveau, aber all das, was ihn früher ausgezeichnet hat, wenn der Ball und er eins waren im höchsten Tempo, das hat er nicht mehr - und in der ersten Liga ist natürlich ein anderes Tempo vorgegeben als bei Jena. Nichts gegen Jena, aber da steche sogar ich durch meine Technik noch hervor. Jan Simak hat es da relativ einfach. Aber wenn er in Jena noch nicht einmal hervortritt, dann weiß ich auch nicht. Meine Prognose: Er wird ein paar Spiele für Stuttgart machen, aber er wird es nicht schaffen.

Letzte Frage: Wie lautet Ihr Wunschergebnis für das Spiel Barcelona gegen Schalke am Mittwoch?

Ich finde es viel spannender, dass Mirko Slomka da immer noch zur Disposition steht. Die sind in der Bundesliga an zweiter Stelle, haben international Erfolg - und das Gerede hört und hört nicht auf. Das erinnert mich an ganz alte Schalker Zeiten. Die konnten nie den Hals voll kriegen, waren nie zufrieden, und es musste immer der Beste her - und denjenigen, der die Mannschaft letztendlich am besten erreicht hat, wollen sie nun wegschicken. Das würde mir in der Seele leid tun. Ich hoffe, dass Mirko am Mittwoch in der Verlängerung gewinnt. In Barcelona kann man zur Zeit noch was reißen.

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