Was denkst du, Schatz?

»Diego sehe ich in Barcelona«

Wie nach jedem Bundesliga-Wochenende rauchten wir eine Kippe mit dem Urgestein Dieter Schatzschneider und erörterten die brennendsten Fragen: Geht Diego? Ist Wolfsburg die neue Kraft? Und wer ist härter: Maik Franz oder Lothar Wölk? Was denkst du, Schatz?Imago Herr Schatzschneider, der VFL Wolfsburg steht in der Rückrundentabelle an erster Stelle. Wie ordnen Sie die Leistung der Niedersachsen ein?

Da kommt etwas ganz Starkes auf die Bundesliga zu. Diese Mannschaft spielt taktisch und körperlich auf höchstem Niveau. Und was wir jetzt erleben, ist erst der Anfang. Ich glaube, dass der Felix momentan nur hinschaut, auf wen er sich in der nächsten Saison verlassen kann. Das wird ganz dramatisch! Er wird sich noch einmal richtig verstärken wollen, dass der Verein nächstes Jahr den ganz großen Ritt machen kann und um die Meisterschaft mitspielt. In Wolfsburg ist eine Menge Geld, das auch in die Mannschaft investiert wird. Ich würde es ja auch so machen, wenn ich dort Trainer wäre.

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Werder Bremen muss dagegen zittern, dass ein Spieler nicht die Mannschaft verlässt. Glauben Sie, Diego wird dem Ruf der Ferne folgen?


Ich denke ja. Der Diego will den ganz großen Fußball erleben, in der Champions League spielen. Bremen müsste einfach immer komplett sein, wenn sie um die Meisterschaft mitspielen wollen - mit Frings, mit einem guten Borowski und so weiter. Er wird nach Spanien gehen.

In der brasilianischen Nationalmannschaft wusste Diego noch nicht richtig zu glänzen. Wird er in einer großen Mannschaft wie Real Madrid zurecht kommen?

Ich würde ihn am liebsten bei Barcelona sehen. Ich habe die Spanier zuletzt in Bremen gesehen, und das war schon ziemlich perfekter Fußball: jeder in Bewegung, jeder wollte sofort wieder den Ball haben, wir Fußballer sagen immer: »Spielen und gehen«. Ich denke, wenn er ins Ausland gehen möchte, dann zu Barcelona, das ist sein Spiel - nur direkt, auf ganz hohem Niveau.

Hatte Sie früher auch solche Millionenangebote?

Damals war schon `ne Million viel Geld. Und von denen, die sich diese Million leisten konnten, hatte ich auch Angebote. Aber das Ausland war für mich gar nicht so interessant, ich hatte ja Angebote von allen großen Klubs aus Deutschland: Bayern, Hamburg, Stuttgart etc. Ich bin schließlich zum HSV gegangen, und das war ja damals der Verein in Europa, die hatten gerade den Europapokal der Landesmeister gewonnen.

Das Ausland war für Sie als Fußballer also nie ein Thema?


Ich war ja im Ausland. Ich war ein Jahr in Österreich. Aber das war... (überlegt) Da habe ich eigentlich schon so ausgesehen wie ich jetzt aussehe. (lacht) Fußball hat da eben einen sehr geringen Stellenwert, Volkssport Nummer eins ist Skifahren. Aber als ich dann beim Grazer AK war, sind auch wieder mehr Leute zu den Spielen gekommen - bis das Statdion wieder voll war. Da bin ich schon stolz drauf. Ich war einer der Vorreiter, die nach Österreich gegangen sind. Später kam ja auch ein Klaus Augenthaler dazu.

Herr Schatzschneider, in diesen Tagen suchen die Hamburger einen neuen Trainer. Slaven Bilic ist ein heißer Kandidat für den Posten. Wäre er der Aufgabe beim HSV gewachsen?

Das kann man dann sehen, wenn er da ist. Der HSV ist nicht die kroatische Nationalmannschaft - das sind für einen Trainer zwei ganz unterschiedliche Dinge. Eins wird sich sofort ändern, wenn du Vereinstrainer bist: Du hast plötzlich elf Freunde, die spielen, und elf Feinde, die nicht spielen. Bei der Nationalmannschaft hast du immer zwanzig Freunde - die sind überhaupt froh, dass sie nur dabei sind. Das sieht man ja auch umgekehrt bei Ottmar Hitzfeld: Der geht auch nur in die Schweiz, weil er sich nicht mehr jeden Tag diesen Stress antuen will, sondern nur noch alle vier Wochen. Ich sage immer: »Wenn du als Vereinstrainer magenkrank bist, kannst du als Nationaltrainer wieder gesund werden.« (lacht) Und auf umgekehrtem Wege natürlich krank werden! Deswegen bin ich ja auch so gespannt auf den Klinsmann, ob der das hinkriegt.

Sie waren selbst ein gefürchteter Mittelstürmer. Wären Sie vor Maik Franz auf die Knie gegangen?

Er ist ein großartiger Provokateur auf dem Platz! Aber man muss auch sagen: Maik Franz ist nicht der Erfinder dieser Sachen. Da sind damals ganz andere Dinger gelaufen! (lacht) Den Gegenspieler am Hinterkopf streicheln und ihm dabei das Ohr umdrehen - oder vorne über die Stirn fahren und ihm dabei einen Finger ins Auge drücken. Wer als Mittelstürmer auf diese Schiene einsteigt, hat schon verloren! Wenn du nicht dein eigenes Ding machst, bist du genau da, wo er dich haben wollte. Es ist sicherlich ein Mittel, einen Stürmer auszuschalten, aber auf Dauer wird das nicht klappen. Da kommt dann mal einer, so ist das ganze Leben, der ist besser als du, stärker als du, noch abgewichster - und dann wird auch der Franz seine Lehrstunde bekommen.

Wie konnte man Sie damals provozieren?

Nicht mit Quasselei. Davor war ich gefeit - die Tricks kannte ich ja alle schon! Aber damals - wenn der Schiri nicht guckte, es gab ja auch noch nicht so viele Kameras - konnte man schon mal jemanden zum durchatmen bringen. Früher haben wir uns richtig behakt, mit Ellbogen und was es alles gibt. Aber nach dem Spiel habe ich meinen Gegenspielern immer die Hand gegeben.

Wer war Ihr härtester Gegenspieler?


Lothar Wölk vom VFL Bochum! (stöhnt) Der war ganz begnadet! Er hat mich mal so provoziert, da wollte ich ihm - als der Schiri hinter uns stand - mit dem Ellbogen schön einen zurück geben. Das Erschreckende war: Er hat nicht einmal geatmet! Das tat ihm gar nicht weh! Ich sage dir, da kriegst du gleich ganz andere Gefühle. (lacht) Das waren knallharte Jungs. Aber sobald ich einstecken musste, habe ich auch ausgeteilt - da war ich immer sehr korrekt.

Martin Demichelis hat sich am Wochenende seiner Aufstellung verweigert. Hat die Mannschaft in Cottbus etwa für ihren suspendierten Argentinier gespielt?

Nicht gespielt! (lacht) Keine Mannschaft kann in Cottbus nur mit Fußballspielen gewinnen. Dich erwartet dort Kampf bis zum Gehtnichtmehr. Die Bayern haben das schlicht und einfach unterschätzt.

Wir gehen davon aus, dass Ihnen der mündige Spielertyp »Demichelis« gefällt.

Natürlich! Und in diesem Fall irrt sich Hitzfeld auch! Er hat doch genügend andere defensive Mittefeldspieler - ob das van Bommel ist, der Ottl oder Zé Roberto. Du brauchst den Demichelis da doch gar nicht. Und deswegen verstehe ich das auch nicht - und finde es gut, wenn der dann zum Hitzfeld geht und sagt: »Pass auf, Trainer, meine Position ist Viererkette innen. Da gehöre ich hin. Und wenn nicht, dann lass`mich lieber weg.« Da ziehe ich den Hut vor Demichelis. Ich habe es auch umgekehrt erlebt, das kann ich auch einmal erzählen: In seinem allerersten Spiel hat Per Mertesacker unter Ralf Rangnick gegen den 1.FC Köln auf der rechten Seite spielen müssen. Da habe ich damals in meiner Kolumne geschrieben: »Lieber Per, das war das Niveau eines Tanzbärs - nicht das eines Fußballers.« Er wurde wirklich vorgeführt, das war schlimm. Ist doch klar, bei seiner Größe kann er keinen Außenverteidiger spielen.

Wie hat Per Mertesacker reagiert?


Ich habe den Per dann später getroffen, und er meinte: »Schatzschneider, das war nicht fair von dir.« Da habe ich gesagt: »Junge, weißt du was? Wenn der Trainer das nächste Mal auf dich zukommt und sagt, du sollst wieder rechts spielen, dann sagst du zu ihm: ›Nein, Trainer, ich gehöre in die Innenverteidigung. Ich habe ein super Stellungsspiel, muss nicht runter, bin kopfballstark.‹ Und dann machst du deinen Weg!« Und den hat er ja dann auch gemacht! Da habe ich recht behalten - das wollte ich auch mal loswerden! (lacht)

Wurden Sie auch einmal Opfer des Systems und kamen woanders zum Einsatz?

Gegen Werder Bremen musste ich einmal hinten rechts spielen, weil wir wirklich klamm waren an Spielern. Aber Bayern hat 25 gleichwertige Profis. Viele werden vielleicht sagen, es sei genau umgekehrt: Ein Spieler muss da spielen, wo der Trainer ihn hinstellt. Ich sage aber: Demichelis hat recht. Warum soll er da spielen, wo er nur achtzig Prozent bringt? Das ist doch wie in jeder Firma: Wenn einer gut Radios einbauen kann, sage ich auch nicht, so, du machst jetzt Antennen.

Herr Schatzschneider, werfen wir noch einen kurzen Blick in die zweite Liga. Hoffenheim steht mittlerweile auf einem Aufstiegsplatz in die erste Liga. Hätten Sie gedacht, dass der Plan des Dietmar Hopp so schnell aufgeht?

Eigentlich hatten die ja einen ganz anderen Weg vor, dem sie nicht gerecht geworden sind. Das muss man auch mal deutlich sagen! Mit jungen Spielern, Trainingsmethodik, und was die alles vorhatten. Die Defizite, die dann aufkamen, wurden mit dem Geld von Hopp behoben - aber das überhaupt erst einmal zu erkennen, ist ja auch eine Kunst. Er hat zum richtigen Zeitpunkt noch einmal Kohle reingepumpt. Qualität kostet Geld - und wenn du nach oben willst, musst du schon was investieren. Anders geht es nicht mehr.

Der 1. FC Köln oder Borussia Mönchengladbach haben auch nicht den günstigsten Kader. Was sagen Sie, wenn die Mannschaft von Ralf Rangnick am Ende der Saison einem solchen Traditionsverein den Aufstiegsplatz wegschnappt?

Das wäre natürlich eine Ohrfeige! Es wäre beschämend für eine Mannschaft wie Köln, wenn die jetzt nicht hochgeht. Aber Hoffenheim wird irgendwann zurecht in der Bundesliga sein - wenn nicht dieses Jahr, dann nächstes Jahr.

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