Was in Brasilien von Copa und Co. bleibt

Wie Bolsonaro von der Copa profitiert

Eigentlich ging fast alles schief in den letzten sechs Jahren: finanziell, politisch, gesellschaftlich, sportlich. Die potentielle Supermacht Brasilien stürzte wirtschaftlich ab, trotzdem gönnte sich das Land für die WM und Olympia eine milliardenschwere Stadionlandschaft. Die Bauten waren ein Selbstbedienungsbüffet für die hoch korrupte Bauindustrie und mit ihr verbündete Politiker. So verschlang der Bau des Estádio Mané Garrincha in der Hauptstadt Brasilia beispielsweise knapp 500 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Neubau des schmucken Borussia-Parks in Mönchengladbach kostete gerade mal 86 Millionen Euro. Man ahnt, wohin all die Millionen geflossen sind. Die Arena in Brasilia wird angesichts eines fehlenden Profi-Fußballteams in der Hauptstadt übrigens nur noch sporadisch für den Fußball genutzt. 

 

Ebenso der Olympiapark in Rio de Janeiro, der inzwischen führungslos ist. Die aktuelle Regierung hat bislang keinen Plan vorgelegt, wie es mit dem Park und seinen Sportanlagen weitergehen soll. Den Vorgängerregierungen war es offensichtlich egal. Stattdessen gibt es die absurde Idee, jetzt auch noch eine Formel-1-Rennstrecke in Rio zu bauen. Rios ehemaliger Gouverneur Sergio Cabral (vergleichbar mit einem deutschen Ministerpräsidenten) sitzt in Haft. Er allein soll in den letzten Jahren mindestens 70 Millionen Euro unterlagen haben. Und er hat noch nicht zu Ende geplaudert über Mitwisser und Machenschaften. Am Donnerstag berichtete er über gekaufte Stimmen für die Vergabe von Olympia nach Rio de Janeiro. 

Ein gespaltenes Land

 

Gesellschaftlich haben die Großereignisse dazu beigetragen, das Land zu entzweien. Die gigantische Korruption hat die Rufe nach einem starken Mann laut werden lassen, der mal so richtig aufräumen möge in Brasilien. Es kam Jair Bolsonaro. Inzwischen ist das Land aufgeteilt in eine Fraktion um den neuen rechtspopulistischen Präsidenten, der offen mit der brutalen rechtsextremen Militärdiktatur des vergangenen Jahrhunderts sympathisiert und eine Fraktion um die linken Parteien, die große Sympathien für die brutale linksextreme Diktatur in Venezuela hegen. 

 

Kurioserweise könnte nun ausgerechnet der Rechtspopulist Bolsonaro von der am Sonntag zu Ende gehenden Copa America profitieren. Das Turnier ist wirtschaftlich ein Erfolg. Trotz einiger leerer Zuschauerränge in den Vorrundenspielen nahmen die Organisatoren dank der gut besuchten Viertel- und Halbfinalspiele insgesamt so viel ein wie die brasilianischen Vereine in allen 89 absolvierten Ligaspielen der laufenden brasilianischen Liga zusammen. Die hohen Preise lassen das Favela-Publikum draußen, dafür gehen jetzt Mittelschichts-Familien ins Stadion. Die Straßenhändler an der Copacabana freuen sich über einträgliche Geschäfte mit den Fans, die vor allem nach Rio, aber nicht in den Rest des Landes kommen. Und es war friedlich, auch ohne zehntausende Militärs, die die Copacana in eine Hochsicherheitszone verwandelten wie 2014 oder 2016.

 

Die Brasilianer könnten sich das Maracana zurückholen

Bolsonaros bizarrer Auftritt in der Halbfinalpause des Klassikers zwischen Brasilien und Argentinien am Dienstag, als er sich von seinen Anhängern feiern ließ, zeigt, dass er die sich drehende Grundstimmung nutzen will. Imagetransfer nennen Marketingexperten so etwas. Schon Venezuelas Revolutionsführer Hugo Chavez versuchte das bei der Copa America 2007 im eigenen Land. Und sollte Brasilien am Sonntag (22 Uhr MESZ) das Finale gegen Außenseiter Peru im Marcana tatsächlich gewinnen, würde sich die Selecao damit auch das Stadion wieder »zurückholen«, das den Brasilianern von der FIFA und dem IOC gestohlen wurde – gefühlt zumindest. Und in dem die Selecao seit dem Confed-Cup-Finale nicht mehr auflaufen durfte. Und es würde nach all den sportlichen Enttäuschungen mit dem traumatischen 1:7 im WM-Halbfinale gegen Deutschland an der Spitze endlich wieder einen Triumph zu feiern geben im eigenen Land. Es würde ein Ende der fußballerischen Depression bedeuten.

 

Bolsonaro hat zu dem Erfolg der Copa America selbst kaum etwas beigetragen, er ist erst seit Januar im Amt. Aber er hat ein feines Gespür für die Stimmung auf der Straße. Ex-Präsidentin Dilma Rousseff hatte das nicht. Sie ließ sich beim Auftaktspiel des Confed-Cups 2013 in Brasilia auf der Stadionleinwand blicken und wurde gnadenlos ausgepfiffen. Drei Jahre später wurde sie unter umstrittenen Umständen aus dem Amt entfernt. Weitere drei Jahre später kam Jair Bolsonaro und ließ sich im Halbfinale gegen Argentinien von einem Teil des Publikums als „Mythos“ feiern. Das ist das Erbe von Confed-Cup, WM, Olympia und Copa America von 2013 bis 2019 in Brasilien.