Was in Brasilien von Copa und Co. bleibt

Bittere Bilanz

Innerhalb von sechs Jahren war Brasilien Gastgeber von vier sportlichen Großereignissen. Gebracht haben sie dem Land Korruption, verwaiste Sportanlagen und einen rechtspopulistischen Präsidenten. Doch im Land regt sich Hoffnung. 

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Vielleicht hätte man auf die Bewohner des schmucklosen Gebäudes gegenüber des Maracana-Stadions hören sollen. Als sich Brasilien im Sommer 2013 gerade für den Confed-Cup und damit für den Auftakt einer Serie von vier sportlichen Großereignissen warmlief, spannten sie ein Banner über ihren Balkon: »Fuck the Cup« war darauf zu lesen. Wenig später schleppte Jungstar Neymar nach dem 3:0-Finalsieg über den damaligen Weltmeister Spanien eine Handvoll Trophäen durch die Mixed Zone, bevor er hinauszog in die große weite Welt des Fußballs. Brasilien hoffte, dass das, was nun kommen mochte, das Land besser machen würde. Neymar sollte der neue Messi werden, Brasilien eine Supermacht. Es kam anders.

Foto: Tobias Käufer 

Vielleicht hätte man auch auf die Studenten hören sollen, die im Juni 2013 beim Confed-Cup erstmals auf die Straße gingen und sich über die katastrophalen Bedingungen im Bildungs- und Gesundheitswesen beklagten. Doch es war zu spät. Die Weichen waren gestellt. Vom ehemaligen linksgerichteten Präsidenten Lula da Silva (2003 – 2011), der inzwischen wegen Korruption im Gefängnis sitzt, auch wenn seine Verurteilung aufgrund der Beweislage umstritten ist. 

 

»Das Schlimmste, was Rio passieren konnte«

Während seiner Amtszeit holte Lula da Silva die Fußball-WM 2014 und die olympischen Sommerspiele 2016 nach Brasilien. Diese Entscheidungen traf er zu einer Zeit, in der die Abholzung des Regenwaldes noch nicht so im Fokus der Weltöffentlichkeit stand wie heute, obwohl sie damals noch schlimmer war. In der Brasilien für einen gigantischen Amazonas-Staudamm grünes Licht gab und nach großen Funden vor der Küste auf einen Öl-Boom hoffte, weil fossile Brennstoffe noch nicht böse, sondern der Schmierstoff für wirtschaftlichen Aufschwung waren. In einer Zeit in der die für Klima kämpfende Friday-for-Future-Generation noch nicht einmal auf der Grundschule war. All das trieb Lula zu der folgenschweren Fehleinschätzung, Brasilien groß machen zu wollen. Nicht in böser Absicht, aber mit bösen Folgen. 

 

Die Menschenrechtsaktivistin María Dalva da Costa Correia da Silva vom »Netzwerk der Bewegungen gegen die Gewalt« zieht im Gespräch mit 11FREUNDE ein verheerendes Fazit: »Die WM und Olympia waren das Schlimmste, was Rio de Janeiro passieren konnte«, sagt die Aktivistin der 2008 mit dem Menschenrechtspreis in der Kategorie Gewaltbekämpfung ausgezeichneten Organisation. »Diese Events haben nur Korruption gebracht und unglaublich viel Geld gekostet, das man besser anders investiert hätte.« Und sie waren einer der Mosaiksteine, die das Land letztendlich in die Arme eines Präsidenten trieben, der durch eine Liberalisierung der Gesetzte noch mehr Waffen unter die Leute bringen will – der Selbstverteidigung wegen. »Das alles macht mir Angst«, sagt María Dalva, deren Sohn vor Jahren von Polizisten erschossen wurde.