Was bei Herthas Gegner Östersunds FK alles anders läuft

Streben nach der Champions League

Inzwischen lacht niemand mehr über den 1996 aus drei Amateurvereinen entstandenen Fusionsklub Östersunds FK, denn: Der jüngste Triumphzug der Schwarz-Roten ist beängstigend. Erst seit zwei Jahren erstklassig, wurden Ghoddos & Co. im April schwedischer Pokalsieger und schafften so den Sprung in den internationalen Wettbewerb. Nun ist Europa dran, einer nach dem anderen: Vor PAOK Saloniki hatte Östersund in der Euro-League-Quali bereits Galatasaray Istanbul aus dem Rennen geworfen. Geht da etwa noch mehr? Vereinsboss Kindberg tönte bereits nach der Gruppen-Auslosung: »Wir werden auch im Frühjahr noch in der Europa League sein, wenn die Gruppenspiele beendet sind.«

Champions League ist das Ziel

Doch selbst die K.o.-Phase in Europas zweithöchstem Wettbewerb soll für den Tabellensechsten der schwedischen Liga nur ein Zwischenschritt sein, wie Östersunds englischer Trainer Graham Potter (42) kürzlich ausplauderte: »Mein Vereinsvorsitzender Daniel Kindberg ist ein ambitionierter Mann. Er will, dass wir Meister werden und anschließend in der Champions League spielen. Das ist das finale Ziel.« Potter, seit sechs Jahren im Amt, schmunzelte ein wenig, dann fuhr er munter fort: »Vor sechs Jahren dachten viele, Daniel gehöre eingesperrt, als er sich so äußerte. Aber die Champions League ist und bleibt das Ziel, daran arbeiten wir.«

Dass ein Verein mit einem Saison-Etat von rund sechs Millionen Euro nicht mal eben in die Königsklasse spazieren kann, wissen sie natürlich auch in Östersund. Außergewöhnliche Erfolge, dachte sich Kindberg, lassen sich hier nur mit außergewöhnlichen Maßnahmen erzielen. Und so bastelte er gemeinsam mit Potter ein Team aus Spielern, die woanders niemand mehr wollte, weil sie vermeintlich zu schwierig, zu hitzköpfig, zu egozentrisch, zu selbstgefällig oder zu faul waren.

In Schweden wird Östersunds Truppe hinter vorgehaltener Hand als »Strafkompanie« bezeichnet, was übertrieben ist – aber nur ein bisschen. So musste sich Mittelfeldmann Brwa Nouri (30) vor wenigen Tagen öffentlich entschuldigen, weil er den Abflug einer innerschwedischen Passagiermaschine verzögert hatte. Nouri hatte sich schlicht geweigert, sein Handy vor dem Start in den Flugmodus zu versetzen. Nach fast einer Stunde Theater ließ der Pilot den Iraker mit schwedischem Pass aus dem Flugzeug entfernen.

Mit dem Gesicht an der Klotür

Auch Saman Ghoddos, der Anfang dieses Jahres zwei Testspiele für Schwedens A-Nationalteam bestritt, sich dann jedoch pro Iran entschied, galt nicht immer als Musterknabe. Als Ghoddos vor einigen Wochen ebenfalls für Turbulenzen in einem Flugzeug sorgte, war er jedoch schuldlos. Der 1,77-Meter-Mann war während einer Reise zum iranischen Nationalteam auf der Bordtoilette kollabiert. Ghoddos: »Ich erwachte mit dem Gesicht an der Klotür – keine Ahnung, was passiert war und wie lange ich dort lag. Jedenfalls ist alles wieder gut.«

Gegen die Hertha dürfte Östersunds Superstar sowieso top motiviert sein. »Manche im Team waren etwas traurig, dass wir nicht in der Gruppe mit Lyon, Bergamo und Everton gelandet sind«, verrät er und schiebt gönnerhaft hinterher: »Ich glaube, wir haben auch so eine ganz gute Gruppe mit guten Teams erwischt.« Besonders auf das Rückspiel am 7. Dezember in Berlin freut sich der bekennende Bundesliga-Fan Ghoddos: »Erst wenn wir dort auf dem Rasen stehen, werden wir begreifen, wie weit wir es tatsächlich gebracht haben.«

So viel Ehrfurcht – ob Ghoddos den Herthanern einen Bären aufbinden will?