Warum wir Underdogs so lieben

Zwergenaufstand

Isländer! Nordiren! Albaner! Und all ihr anderen Außenseiter bei dieser EM – schön, dass es euch gibt. Eine Liebeserklärung.

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Es gibt keine Kleinen mehr im Weltfußball, hat vor vielen Jahren mal ein Großer dieses Sports behauptet. Zum Glück lag dieser kluge Mann diesmal falsch. Es gibt sie noch. Und das ist ein großer Gewinn für alle, die dieses Spiel so lieben.

Bei dieser Europameisterschaft sind sie bislang die heimlichen Helden. Isländer und Nordiren, Albaner, Waliser und wen man noch als Underdog bezeichnen mag. Das gilt für die Spieler, aber doch noch mehr für ihren Anhang.

Wem ging gestern nicht das Herz auf, als die Isländer Portugal noch einen rein drückten, und auf den Tribünen enthemmte Inselbewohner die ganz große Party einleiteten? Oder die Nordiren. Nizza war jetzt tagelang in der Hand der »Green-White-Army«, es war eine friedliche Besatzung, die lediglich die lokalen Alkohollieferanten in Bedrängnis brachten.

Highscore an Sympathiepunkten



Gemeinsam mit den ebenfalls anwesenden Iren sammelten die Fans einen ganzen Highscore an Sympathiepunkten, ihr hart-aber-herzlich-Charme kochte irgendwann selbst die vornehmen Südfranzosen weich. Auch, weil sich der Anhang bei all dem Gegröle und Gesaufe zu benehmen wusste. Ganz anders als so viele Fans von etablierteren Turniernationen.

Es ist die große Anzahl der Außenseiter, sowie deren Auftritte, die in dieser ersten EM-Woche den angenehmen Gegenpol zu all den negativen Erlebnissen bilden. Hooligans, Streik, maue Spiele und ein Land, dass nicht wirklich bereit scheint oder bereit sein wollte für solch ein Turnier – ein französisches Sommermärchen ist diese EM bislang nicht. Umso dankbarer sind sämtliche Beobachter für die schönen Geschichten der Underdogs.

Erinnerung daran, warum man sich überhaupt in diesen Sport verknallt hat

Sie zu unterstützen fällt nicht schwer, der Sport lebt ja davon, dass die Kleinen den Großen hin und wieder mal ein Bein stellen können. Und doch müssen sich auch die Kleinen erst die Liebe der anderen verdienen.

Das kann man auf sportlichem Wege schaffen, wie 2004 die Griechen oder eben mit einem Anhang, der das Turnier als das begreift, warum es einst aus der Taufe gehoben wurde: als Völkerfest und einzigartiger melting pot in dem die gleichen Regeln gelten wie bei jeder anderen Party auch.

Wer sich benehmen kann und auch noch gute Laune mitbringt, der darf gerne wiederkommen und knutscht vielleicht am Ende sogar mit dem schönsten Partygast. Wer saufend, pöbelnd und schlägernd durch die Straßen zieht, durch neandertaleske Wesenszüge oder rohe Gewalt auffällt, den lädt kein Mensch mehr ein und bräuchte eigentlich einen festen Tritt in den Allerwertesten.

Wie schön wäre es, wenn uns auch nach der Vorrunde noch der ein oder andere Kleine erhalten bleiben würde. Diese beinahe schon kindliche Freude über das bloße Dabeisein bei diesem Turnier ist ja nicht nur ansteckend, sondern auch eine Erinnerung daran, warum man sich überhaupt in diesen Sport verknallt hat und warum er trotz all der Blatters und Platinis, der Fernsehverträge und geldgeilen Profis noch so funktioniert. Mögen wir alle noch viel Spaß daran haben.