Warum wir Dimitar Berbatov lieben

Der Künstler

In unserer neuen Ausgabe porträtieren wir die letzten echten Typen im Profifußball. Natürlich auch dabei: Dimitar Berbatov.

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Heft: #
169

Hans-Jörg Butt sagte mal, er könne Dimitar Berbatov ewig beim Training zugucken. Und wer will ihm schon widersprechen?
 
Niemand ging mit dem Ball so behutsam um wie der Bulgare, niemand pflückte 60-Meter-Pässe so elegant aus der Luft. Wenn man ihn in seinen besten Phasen spielen sah, glaubte man sofort, dass er jeden erdenklichen Gegenstand auf seinem Fuß stundenlang jonglieren könnte: eine Ming-Vase, ein Elefantenbaby, vermutlich sogar Regentropfen. Und selbst einen Pflasterstein hätte er mit der Brust angenommen und per Seitfallzieher dorthin gepasst, wo er gerade dringender benötigt wurde.

»Der Dude ist nicht da«
 
Er schoss Tore, die aussahen, als hätte er sie extra für die Playstation erfunden: Fallrückzieher im Sitzen an die Unterlatte, Hackentreffer im Liegen, Topspin-Tore mit dem Außenrist. Berbatov war in seinen besten Tagen wie der FC Bayern heute: Er spielte ein Spiel, das sich Fußball nannte – aber das trotzdem eklatante Unterschiede zu dem Fußball der anderen aufwies.

Die Sache war nur: Berbatov war faul. Ein Typ, von dem man annimmt, er würde auf seinem Anrufbeantworter »Big Lebowski« zitieren: »Der Dude ist nicht da. Nachricht nach dem Piep. Peace, Mann!« Aber auch eines von diesen Genies, das zutiefst angewidert über den Platz schlurft, wenn die eigenen Mitspieler Gleichgewichtsprobleme bekommen, weil sie nur fünf Meter geradeauslaufen sollen.
 
Und so existieren etwa genauso viele Videos, auf denen Berbatov beinahe einschläft oder genervt aus dem Augenwinkel diese verdammte Sache verfolgt, die sie Fußball nennen, wie Videos von Ballannahmen oder Pässen, die durch ihre Mühelosigkeit so grotesk wirken, dass der Gegner vor Ehrfurcht am liebsten aus dem Stadion rennen würde. Sie heißen »Touched by a god!«, »Sublime touch« oder eben »Lazy Bastard«.

»Warum, du verdammter Bastard?«
 
»Mit 23 Jahren hat er bereits kapiert, was er mit seinem Talent alles erreichen kann: eine internationale Karriere, die weit über Leverkusen hinausgeht«, sagte Ilja Kaenzig im April 2004 über ihn. Natürlich sollte der damalige Bayer-Leverkusen-Manager recht behalten. Berbatov war sich immer sicher, dass ihm die Fußballwelt zu Füßen lag. Und die befand sich ganz sicher nicht zwischen Bayer-Werk und Wildpark Reuschenberg.
 
Also ging er nach England, zu Tottenham, später wechselte er zu Manchester United. Und auch dort schlich er bisweilen über den Platz, als sinnierte er über das Ende von Albert Camus’ »Der Fremde«. Es reichte, dann und wann eine Flanke aus dem Fußgelenk zu schütteln oder einen Ball ins Tor zu streicheln.

Einmal erlief er einen Pass kurz vor der Torauslinie. Wenn man dieses Video sieht, kann man seine Gedanken lesen: »Warum, du verdammter Bastard, spielst du diesen Ball so steil?« Aber gut, dann muss er eben: Kleiner Sprint, Sohle auf den Ball, Drehung, Lupfer, Pass, Tor. Dass der Gegenspieler nicht vor Schwindel direkt in die Werbebande fällt, ist eigentlich das größte Wunder.