Warum wir Cristiano Ronaldo bewundern müssen

Der Möglichmacher

Nach seinem spektakulären Fallrückzieher gegen Juventus Turin ist auch dem Letzten klar geworden: Cristiano Ronaldo ist noch lange nicht am Ende.

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Champions League Viertelfinale. Hinspiel in Turin. Real führt bereits mit 1:0. Torschütze, wer sonst, Ronaldo. Es läuft die 64. Spielminute. Madrids Rechtsverteidiger Carvajal flankt auf Verdacht in die Mitte – und dann fällt es. 

Ein Tor so schön, dass Zinedine Zidane erstmal fühlen muss, ob seine Glatze noch da ist. So schön, dass die ganze Arena zu Turin sich für einen der letzten großen Gladiatoren des Weltfußballs erhebt. So schön, dass man die ewige Arroganz dieses polarisierenden Portugiesen fast ein wenig verstehen kann. 

»Was will man da machen?«

Wenn Zlatan Ibrahimovic im Alter reift wie guter Wein, was macht dann eigentlich Cristiano Ronaldo? Es ist seiner ausgestylten Erscheinung vielleicht nicht anzusehen, aber der Mann ist 33 Jahre alt. Ein normalsterblicher 33-Jähriger, der so in der Luft liegt wie Ronaldo beim 2:0 gegen Juventus Turin, müsste in der nächsten Bildsequenz auf einer Trage vom Feld gebracht werden. 

Ronaldo dreht aufreizend lässig zum Jubel ab, so als hätte er gerade im Supermarkt Milch geholt, während Juve-Verteidiger Barzagli nur mit den Schultern zuckt. Frei nach dem Motto: »Was will man da machen?«

Ein Herkules in Fußballschuhen

Aus dem spanischen Meisterschaftsrennen hat Real Madrid sich schon in der Hinrunde verabschiedet. Er hatte schon begonnen, der Abgesang auf Verein, Trainer und diesen einen alles überstrahlenden Spieler. Kurz vor Weihnachten im Clasico 0:3 unter die Räder gekommen. Ronaldo mit allzu menschlichen vier Saisontoren.


Dabei übersahen hier schon viele, dass die fleischgewordene Marketingmaschine CR7 als erster Spieler überhaupt in allen sechs Gruppenpartien der UEFA Champions League getroffen hatte. Neun. Mal. Seit gestern steht er bei 14 Toren im laufenden Wettbewerb und Real Madrid mit 1,9 Beinen im Halbfinale. Plötzlich schwebt der dritte Champions-League-Triumph in Folge wie eine dunkle Vorahnung über Fußballeuropa. Denn Ronaldo, ein Herkules in Fußballschuhen, ist noch einmal auf den Olymp seiner Schaffenskraft zurückgekehrt.

18 Tore in der Liga seit dem Jahreswechsel. Europäisches Fußballgroßwild wie PSG und Juventus erlegt er zurzeit im Alleingang. Ronaldo ist der Möglichmacher für ein weißes Ballett, das seinen schillerndsten Vortänzer immer noch braucht. Der Tag wird kommen, an dem das nicht mehr so ist.  An dem Ronaldo, diese Liebesheirat aus einmaligem Talent und eisernem Willen, den Thron für einen Jüngeren, Besseren räumen muss. Bis dahin muss man ihn nicht mögen. Aber verdammt noch mal bewundern.