Warum Wayne Rooney in England nicht vergöttert wird

Geliebter Feind

England hat ein zutiefst gespaltenes Verhältnis zu Wayne Rooney. Das liegt an dem, was er ist, und an dem, was er nicht ist. Vor allem aber liegt es an allem, was er hätte sein sollen.

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Wenn eines fernen Tages Historiker nach genau dem Moment suchen, in dem der englische Fußball vom Weg abkam, dann sollten sie nach Baden-Baden reisen. Denn an diesem Ort ging die letzte wirklich talentierte Generation der »Three Lions« aus dem Leim.

Sven-Göran Erikssons Zeit als englischer Nationaltrainer fand bei der WM 2006 ihr Ende. Aber erst nachdem sein Wanderzirkus, verfolgt von einem Schwarm von Fotografen, drei Wochen lang durch die Weinbars und Boutiquen des berühmten Kurortes gezogen war und zum Sinnbild wurde für eine Fußballkultur der Promi-Exzesse, etwa der offenbar unstillbaren Sehnsucht, die am teuersten verzierte Handtasche aus Chinchillafell zu finden, die der Menschheit bekannt ist. Eriksson betrachtete das alles mit müder Resignation. Er befand sich bereits auf Abschiedstour, nachdem er in eine Falle der Boulevardzeitung »News of the World« getappt war, die eine Superyacht mietete und den schwedischen Trainer von einem Schauspieler, der sich als milliardenschwerer arabischer Scheich ausgab, mit Champagner für 600 Euro die Flasche abfüllen ließ.

»Lasst Wayne Rooney leben!«

Doch bevor Eriksson endgültig abtrat, sagte er noch etwas Interessantes. Nach der verheerenden Niederlage im Viertelfinale gegen Portugal warnte er das englische Volk: »Lasst Wayne Rooney leben!« Der Spieler war gerade vom Platz gestellt worden, weil er Ricardo Carvalhos Hoden mit seinem Schuh bearbeitet hatte, wobei in Anbetracht von Rooneys Form das Überraschende daran war, dass er nicht danebentrat. »Lasst Wayne Rooney leben!«, sagte Eriksson also. »Denn ihr braucht ihn.«

Er hatte Recht. Es sollte sich zeigen, dass England Wayne Rooney brauchte. Nur vielleicht anders als gedacht. Als abschreckendes Beispiel.

Mehr als 15 Jahre sind seit seinem großen Erweckungsmoment vergangen, dem spektakulären ersten Tor in der Premier League gegen Arsenal, das im Oktober 2002 der Welt die Ankunft eines großen Talents verkündete. Hier kommt er, der blasse, sommersprossige Junge mit den Segelohren! Der Held, der aussieht, als hätte er sich vom Parkplatz draußen ins Stadion geschlichen und wäre, den Ordnern ausweichend, über die Werbebande gehüpft, um den nächsten herrenlosen Ball in den Winkel zu hämmern.

Es ist schwierig, einem Außenstehenden zu erklären, wie anstrengend und zermürbend das Verhältnis der englischen Fans zu Rooney seither ist. Es ähnelt einer seltsam giftigen, seltsam leeren Obsession. Rooney hat große Leistungen gezeigt, er brach Torrekorde und stand mit Manchester United dreimal im Finale der Champions League. Zugleich war er der Gegenstand eines fast überwältigenden gemeinschaftlichen Verlusts aller Maßstäbe. Er wurde erst in den Himmel gelobt und dann verhöhnt als Symbol der fußballerischen Bankrotterklärung Englands. Am Ende war er doch nicht der Retter, nach dem sich der englische Fußball sehnte, und auch nicht der Held aus der Arbeiterklasse, von dem man dachte, dass man ihn sucht.

Wayne-Rooney-Reisegepäck und Wayne-Rooney-Maus-pads

Eines aber war er unzweifelhaft: eine kulturelle und kommerzielle Urgewalt. Rooney mag bei einem großen Turnier nie weiter als bis ins Viertelfinale gekommen sein, nie eine Rolle bei der Wahl zum Weltfußballer gespielt haben und außerhalb Englands nie für Furore gesorgt haben. Aber er war ein wirtschaftlicher Erfolg.

Er ist der viertreichste Fußballer der Welt. Aktuell kann man eine Kollektion Wayne-Rooney-Geschirr kaufen, ebenso Wayne-Rooney-Wohntextilien, Wayne-Rooney-Mode, Wayne-Rooney-Kunstobjekte, Wayne-Rooney-Reisegepäck, Wayne-Rooney-Schreibwaren und -Geburtstagskarten, Wayne-Rooney-Maus-pads und mindestens vier verschiedene Wayne-Rooney-Masken. Es sind 36 englischsprachige Bücher im Handel, die sich den vielen Gesichtern des Wayne Rooney widmen, dazu gibt es noch eine Reihe Werke, die aus der Feder seiner Frau Coleen stammen, sowie eines von einer Prostituierten, mit der er mal Sex hatte. Rooney hat 16,4 Millionen Follower auf Twitter – mehr als die Vereinten Nationen und die englische Premierministerin zusammen. Nicht schlecht für einen Fußballer, der noch immer keine einzige öffentliche Aussage getätigt hat, die einer Erwähnung wert gewesen wäre.

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