Warum Uruguays Trainer Tabarez von seinen Spielern so verehrt wird

»Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren«

»Wir konnten gar nicht spielen. Meine Vorgänger haben ja nicht einmal Freundschaftsspiele austragen lassen«, erinnert sich Tabarez an seine Rückkehr ins Traineramt im Februar 2006. Der 71-Jährige gestaltete den Nachwuchsbereich neu und installierte ein Scouting-Netzwerk, um sich einen besseren Überblick über die Talente des Landes zu verschaffen.

Vielversprechenden Nachwuchsleuten legte er einen Wechsel nach Europa nahe, weil er die heimische Liga für zu schwach befand. Eine gute Jugendarbeit war für Tabarez schon immer unabdinglich: »Für jeden großen Spieler, den Uruguay rausbringt, bringt Brasilien 20 raus und Argentinien zehn.«

»Wir lernen jeden Tag von ihm«

Einer dieser großen Spieler könnte José Maria Gimenez werden. Der Innenverteidiger von Atletico Madrid wurde 2013 Vizeweltmeister mit Uruguays U20 und debütierte noch im gleichen Jahr für die »Celeste«. Im Sommer darauf stand er als 19-Jähriger bei der WM in Brasilien in drei von vier Spielen über die volle Distanz auf dem Platz. Nun erzielte der Abwehrpartner von Diego Godin gleich im ersten Vorrundenspiel gegen Ägypten den 1:0-Siegtreffer per Kopf.

Ihren Kopf sollen Tabarez Schüler auch außerhalb des Platzes benutzen. Seine Arbeitsweise ist stark von seiner pädagogischen Ausbildung geprägt. Lesen statt Handyspiele. Im Trainingszentrum außerhalb von Montevideo ließ er sogar eine Bücherei einrichten. »Wir haben großen Respekt vor ‚El Maestro‘ und wir lernen jeden Tag von ihm«, versichert Kapitän Godin. »Wir sind nun schon so lange zusammen. Zwischen uns besteht eine besondere Verbindung.« Fast scheint es, als ob die gemeinsame Bewunderung für ihren Trainer Uruguays Nationalmannschaft zusammenschweißt.

»Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren«

Denn bisher präsentieren sich die Himmelblauen als würdiger Vertreter des zwischenzeitlich verlorengegangenen »garra charrua«. Uruguay verteidigt als Kollektiv kompakt und unnachgiebig. Wenn es sein muss, stehen bei gegnerischen Eckbällen alle zehn Feldspieler im eigenen Strafraum. Die Südamerikaner spielen leidenschaftlich, aber nicht unfair. Rodrigo Bentancur hat die bisher einzige Gelbe Karte für Uruguay gesehen. Vorne verfügt die »Celeste« über das vielleicht beste Sturmduo dieses Turniers, in Szene gesetzt von vielversprechenden Mittelfeldtalenten wie Lucas Torreira (Sampdoria Genua) und dem oben genannten Bentancur (Juventus Turin).

Und an der Seitenlinie? Dort ist Frankreichs Viertelfinalgegner gesegnet mit einem Trainer, der eine Mannschaft geformt hat, die aus dem Stoff der größten Erfolgsgeschichten des uruguayischen Fußballs gemacht ist. Hart zum Gegner und herzlich zueinander. Frei nach den Worten Che Guevaras, die eine Wand in Tabarez Eigenheim in Montevideo zieren: »Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren.«