Warum Union eine Heimat ist

Gemeinsam!

Doch dann, am vergangenen Montag, um kurz vor neun Uhr abends, wurde diese Überzeugung in die Luft geblasen wie billiges Konfetti bei einer Zwangsheirat. Es war der Moment, als Guido Winkelmann irgendwo in einem Bunker in der Nähe von Köln auf seinen Monitor sah und sich sicher war, dass Nicolas Gonzalez beim Führungstreffer des VfB Stuttgart im Abseits gestanden hatte. 

Die Bäume draußen vor dem Stadion schüttelten sich vor Freude. Sie lachten sich kaputt, weil plötzlich die Staatsmacht auf unserer Seite war. Die Welt drehte sich weiter, aber die berüchtigte »Fußballmafia DFB« hatte einmal kurz nicht aufgepasst. Und Union stieg in die Bundesliga auf. Es bleibt der reinste Moment der Freude, den der Fußball mir in 35 Jahre geschenkt hat. Nichts hat mich so bewegt wie der Schlusspfiff am Montagabend.

Ich brauche Ipswich nicht mehr 

Ich war dabei, als mein Heimatverein Ipswich Town im alten Wembleystadion durch einen Playoff-Sieg in die Premier League aufstieg. Doch das war nichts im Vergleich zu Montagabend. Vor ein paar Wochen ist Ipswich zum ersten Mal seit sechzig Jahren in die Dritte Liga abgestiegen. Ich habe es kaum bemerkt. Es tut mir leid für die Fans, und ich werde den Verein immer lieben, aber ich gehöre nicht mehr dazu.

Denn ich komme schon lang nicht mehr aus Ipswich. Mit 18 bin ich weggezogen und war nie wieder da, abgesehen von Familienereignissen. Keine zehn Pferde würden mich dazu bringen, zurückzugehen. Die tiefste Beziehung zu dem Verein hatte ich in der Zeit, als ich Ipswich verließ. Vielleicht wollte ich mir etwas von meinen Wurzen bewahren, das Gefühl haben, von etwas Konkretem abzustammen. Aber das brauche ich heute nicht mehr.

Das Wichtigste auf der Welt 

Als am Montag der Schlusspfiff ertönte, habe ich meine Nachbarn auf der Waldseite umarmt, während sie dicke Tränen weinten. Und sie haben mich umarmt. Sie gehen schon viel länger zu Union als ich. Sie haben alles gesehen, das Gute und das Schlechte, das Herzzerreißende und das Langweilige. Aber als der Schiedsrichter das zähe 0:0 gegen Stuttgart beendete, habe ich die Wahrheit in den Zeilen von Nina Hagens Union-Hymne begriffen: »Osten und Westen/Unser Berlin/Gemeinsam ...«

Ja, es ist nur Fußball. Es gibt Wichtigeres auf der Welt. Man muss sich nur kurz überlegen, was Berlin im letzten Jahrhundert alles erlebt hat. Aber Unions erster Aufstieg in die Bundesliga ist trotzdem wichtig. Denn jeder braucht einen Ort, an dem er zu Hause ist. Und wie alle anderen dort an jenem Abend – wie alle, für die Fußball das Wichtigste auf der Welt ist – hatte ich ein Stadion in einem Wald mit einem Fußballverein gefunden, der alles verändert.

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Jacob Sweetman war von 2011 bis 2016 einer der Herausgeber von »No Dice«, einem englischen Magazin über Fußball in Berlin. Er dankt Änne Troester für ihre Arbeit an diesem Text.