Warum Union eine Heimat ist

Kohle egal, Prinzipien nicht

Aber genau so hielt dieser Ort die Menschen zusammen. In guten wie in schlechten Zeiten. Ich war immer fasziniert von den Leuten, die durch den Wald in dieses verfallene Stadion pilgerten. Das war noch, bevor sie es renovierten. Bevor sie es selbst renovierten. In den letzten Jahren ist darüber mehr als genug geschrieben worden. Jeder kennt die Geschichte. Aber sie selbst mitzuerleben, das war unglaublich. Ich fühlte mich wie gesegnet. Ich hatte einen Fußballverein gefunden, dessen Werte und Grundsätze sich in seinem Handeln widerspiegelten. Kohle war egal, Prinzipien nicht. 

Als Dirk Zingler einen Sponsorenvertrag zerriss, weil der Sponsor eine Stasi-Vergangenheit hatte, hätte mir das egal sein können. Ich war Engländer, ich hatte nie einen Fuß in die DDR gesetzt. Aber es gefiel mir, dass er zu seinem Wort stand. Es war auch nicht mein Kampf, als Zingler sich 2012 weigerte, das DFB-Sicherheitskonzept zu unterschreiben. Ich komme aus einem Land, in dem die 50+1-Regel nach einem Märchen klingt.  Aber ich war trotzdem so stolz, als hätte ich es selbst getan. 

Und als die Arbeit am neuen Fanhaus unterbrochen wurde, damit dort Flüchtlinge Zuflucht vor dem kalten Winter finden konnten, lächelte ich. Obwohl ich nicht mehr getan hatte, als eine kleine Spende zu geben, hatte ich etwas beigetragen. Als Mattuschka das Freistoßtor gegen Hertha BSC im Olympiastadion schoss, da war das auch mein Tor. Wenn Union gewann, dann gewan Union für mich. Ich hatte mich igendwie in den Verein reingeschmuggelt.

Tennessee und die Alte Försterei

Für die erste Ausgabe meines Magazins »No Dice« sprach ich mit Uwe Neuhaus. Mit Jens Keller auch. Und mit Spielern und Fans und Angestellten. Ich saß in hunderten Pressekonferenzen in der letzten Reihe und es fühlte sich seltsam surreal an. Ich war endlich dort, wo ich sein wollte.

Das Stadion an der Alten Försterei ist für Unioner das, was die Berge von Tennessee für Dolly Parton sind. Was die staubigen Straßen des Londoner Stadtteils Muswell Hill für die Kinks sind. Es gibt ihnen Bodenhaftung, es gibt ihnen einen Grund, weiterzumachen. Es gibt ihnen einen warmen Umhang. Es umarmt sie. Es heilt ihre Wunden und es bewahrt ihre Geheimnisse.

Man sagt, die Bäume Finnlands weinen, weil sie im Krieg gegen die Rote Armee so viel Schreckliches gesehen haben. Die Bäume in der Wulheide murmeln wegen alltäglicher Kleinigkeiten vor sich hin. Wegen verpasster Torchancen oder Schiedsrichtern, die das tun, was man von ihnen erwartet, um den Status quo zu bewahren. Denn wenn eines sicher war, dann das: Alle waren gegen Union. Die Stasi hasste den Verein, der DFB hasst ihn immer noch. So wurde und wird die Geschichte erzählt.