Warum Union eine Heimat ist

Das Lachen der Bäume

Unser Autor kam 1000 Kilometer von Berlin entfernt zur Welt. Aber zu Hause fühlt er sich in einem Stadion im Wald. Ja, dies ist eine Liebesgeschichte. 

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Ich weiß nicht mehr genau, was mich in ein baufälliges Stadion mitten in einem Wald am Arsch der Welt führte. Ich weiß nur noch, dass es ein Samstag war, der erste Spieltag der Saison. Ich weiß auch noch, dass die Sonne schien, wie sie das nur an einem Spätsommertag in Berlin kann. Der Gegner war Fortuna Düsseldorf, und es war das erste Pflichtspiel für Uwe Neuhaus als Trainer des 1. FC Union. Neuhaus würde den Klub in der Zweiten Liga etablieren, aber das lag in der Zukunft. An jenem Tag gab es einen schlafenden Riesen auf dem Rasen, aber es war nicht Union.

Ich war fast dreißig Jahre alt und nach Berlin gekommen, um im Kunsthaus Tacheles zu arbeiten, einem Kulturzentrum. Ein Freund hatte mir den Job angeboten. »Berlin wird dir gefallen«, hatte er gesagt. Ich hatte keine Ahnung, wie Recht er haben würde. Das Tacheles war das letzte der großen Häuser, die in den wilden und fieberhaften Nachwendejahren besetzt worden waren. Es war chaotisch und schmutzig, laut und frei. Es war anders als alles, was ich bis dahin kannte.

Ich fand, dass ich gut passte zu dem alten, verfallenen Gebäude mit seinen Bewohnern, die aus allen Ecken der Welt kamen. Es waren Künstler und Glücksritter, die versuchten, die Welt ein bisschen schöner zu machen. Alle – von Schleim-Keims Otze bis zu Peaches – fanden irgendwie ihren Weg in das ehemalige Kaufhaus an der Ecke von Oranienburger und Friedrichstraße. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Aber obwohl es mir selbst nicht bewusst war, suchte ich noch. Ich suchte etwas, an dem ich mich festhalten konnte. 

Raus nach Köpenick

Ich liebte das Tacheles, aber alles war auch wahnsinnig fremd. Das Chaos, die vielen Sprachen, als wäre der Turm von Babel gerade dort zusammengestürzt. Irgendwo auf dem riesigen Gelände mit seinen niemals schließenden Bars rostete das Skelett eines MiG-Kampfflugzeugs vor sich hin. Ich brauchte etwas, das mich daran erinnerte, wer ich war. Also fuhr ich an einem wunderschönen Samstag, an dem sonst nichts zu tun war, raus nach Köpenick, zum Fußball.

Ich wurde sofort akzeptiert. Fast sogar gefeiert, weil damals nur wenige Ausländer ins Stadion gingen. Torsten Mattuschka war ein mittelmäßiger Regionalligaspieler. Die Zuschauerzahlen bei Spielen gegen Lübeck oder Wolfsburg II bewegten sich im niedrigen vierstelligen Bereich. Ich lernte mein erstes deutsches Wort. Weil es kaum ein anderes Wort gab, mit dem man die Alte Försterei damals hätte beschreiben können. Sie war genau wie das Tacheles – eine von Rissen durchzogene Ruine: baufällig.