Warum Union Berlin auf Millionen verzichtet

Sie bleiben eisern

Union Berlin hat sich von seinem Hauptsponsor ISP getrennt, nachdem bekannt geworden war, dass der Aufsichtsratschef für die Stasi arbeitete. Der Klub verzichtet auf sehr viel Geld, gewinnt aber an Glaubwürdigkeit. Warum Union Berlin auf Millionen verzichtet
Februar 1986, Ost-Berlin. Ein Hauptmann der Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit steht kerzengerade, sein stolzer Blick verrät die Gefühlslage. Soeben ist eine große Ehre zu Teil geworden. An seiner Brust blitzt die »Verdienstmedaille der Grenztruppen der DDR« in Bronze für herausragende Leistungen. Der Mann heißt Jürgen Czilinsky.

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23 Jahre später steht Czilinsky wieder im Fokus des allgemeinen Interesses, sogar stärker als je zuvor. Nach der Wende hat er Karriere gemacht und sehr viel Geld verdient, jetzt ist er Aufsichtsratschef einer Firma namens International Sport Promotion, kurz ISP genannt. Montag, der 24. August 2009. Den Tag wird Czilinsky nicht vergessen, denn die Vergangenheit hat ihn eingeholt. Das Nachrichten-Magazin »Spiegel« hatte am Wochenende zuvor die Ergebnisse wochenlanger Recherchen öffentlich gemacht: Jürgen Czilinsky, inzwischen 51 Jahre alt, war als Führungsoffizier der Stasi an mindestens 26 »operativen Vorgängen« beteiligt, wie es in der Militärsprache so verniedlichend heißt. Geheime Kurierverbindungen, Agenten-Anwerbung - der ISP-Boss, ein hochrangiger Mitarbeiter bei »Horch und Guck«, wie die DDR-Bürger ihren Geheimdienst bezeichneten.

»Auf eine gute Zusammenarbeit«

Was das nun mit dem 1. FC Union Berlin zu tun hat? Noch vor wenigen Wochen machte ein Vertragsabschluss zwischen dem Köpenicker Verein und der International Sport Promotion Schlagzeilen. Ein Foto ging durch die Medien: Union-Präsident Dirk Zingler, der ehemalige Union-Trainer und heutige ISP-Manager Dieter Fietz und eben jener Jürgen Czilinsky schüttelten sich lachend die Hände. »Auf eine gute Zusammenarbeit«, sollte das symbolisieren. Das Trio hatte soeben einen der spektakulärsten Sponsoren-Deals in der Zweitliga-Geschichte abgeschlossen: zehn Millionen Euro, verteilt auf fünf Jahre wollte ISP in den Klub von der Alten Försterei pumpen, zwei Millionen Euro jährlich. Zum Vergleich: in der vergangenen Bundesligasaison mussten die drei Absteiger Cottbus (1,0 Millionen Euro), Bielefeld (1,5 Millionen) und Karlsruhe (1,65 Millionen) mit deutlich weniger Sponsoreneinnahmen auskommen. Ein Bombengeschäft für die notorisch klammen Berliner, die noch rund zehn Millionen Euro Schulden und Verbindlichkeiten drücken. Seit dem 24. August 2009 ist der Deal zwischen Union und ISP Geschichte.

Der Verein reagierte auf die Enthüllungen im »Spiegel« und kündigte die Vertragspartnerschaft. Offizielle Begründung: »Falsche Angaben des Vertragspartners beim Zustandekommen des Vertrages.« Die »falschen Angaben«: der Aufsichtsratschef von ISP, Jürgen Czilinsky, war ein hochrangiger Stasi-Mitarbeiter. Ein Umstand, der speziell für den 1. FC Union unter keinen Umständen zu akzeptieren war.

»Union war schon immer der Verein, der Stasi-Chef Erich Mielke ein Dorn im Auge war«, sagt Hanns Leske, Autor des Buches »Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder«. »Union-Fans galten der Staatssicherheit als besonders regimekritisch und wurden daher dauerhaft observiert.« Im Schatten des von Erich Mielke geförderten BFC Dynamo Berlin fristete Union zu DDR-Zeiten ein Dasein zwischen merkwürdigen Schiedsrichterentscheidungen und sportlichen Rückschlägen. Tatenlos mussten die Anhänger zusehen, wie Jahr um Jahr die besten Spieler  zum BFC zwangsdelegiert wurden und bei Spielen gegen den Erzrivalen aus Höhenschonhausen bestochene Schiedsrichter eingesetzt wurden, was später sogar nachgewiesen werden konnte. »Innerhalb der Fanszene entwickelte sich daher ein deutlicher Widerstand zum bestehenden Regime, insbesondere der Stasi«, fügt Leske an. »Die Mauer muss weg!«, skandierten die Fans der »Eisernen« bei Freistößen des Gegners und meinten natürlich den »antifaschistischen Schutzwall«.

Und so ein Verein soll finanziert werden von einem Konzern, der von einem ehemaligen Stasi-Offizier angeführt wird? Niemals.

Auch weil der Druck aus der Fanszene erheblich zunahm, reagierte Vereinspräsident Zingler und kündigte den Vertrag. Damit verzichtet der Zweitligist auf sehr viel Geld. Der finanzielle Verlust betrifft zwar nicht die laufende Saison – die im Lizensierungsverfahren eingereichte Etatplanung beinhaltet nicht den Vertrag mit ISP – doch sieht die Zukunft nun wieder alles andere als rosig aus. Die DFL ist alarmiert. »Wir müssen uns jetzt mal anschauen, welche finanziellen Folgen die Kündigung hat«, bestätigt Christian Müller, DFL-Geschäftsführer Finanzen und Lizensierung. Gewonnen hat der Klub dafür an Glaubwürdigkeit, auch Präsident Zingler, der bei den Fans »sehr viel Vertrauen genießt«, wie Axel Pannicke, beim Fanprojekt Berlin für Union zuständig, beobachtet hat. Zingler gilt als seriöser Geschäftsmann, der den »Pleiten-, Pech- und Pannenklub« (Leske) wieder auf wirtschaftlich gesunde Beine gestellt hat, bei der Stadion-Renovierung durch die eigenen Fans stieß Zingler selbst die Schaufel in die Köpenicker Erde. Das kommt an und fördert den Ruf des Zweitligisten als »eine Art Ost-Berliner St. Pauli« (»SZ«).

Sie bleiben eisern, bei Union.

Kritik muss sich Zingler dennoch gefallen lassen. Weil er zu vorschnell und ohne weitere Nachfragen das ohne Zweifel fantastische Angebot von ISP annahm. Dass er von der Stasi-Vergangenheit Czilinskys nichts wusste, kann ihm niemand vorwerfen. Wohl aber die deutlichen Warnsignale, die bereits nach dem ersten Kontakt zu ISP die Runde machten unbeachtet gelassen zu haben. Mit was ISP seine Millionen eigentlich verdient, ist nämlich völlig unklar. »Es geht um Afrika, Müllgeschäfte, Rohstofferschließung und Sportsenderlizenzen«, schreibt die »taz«, die »SZ« berichtet vom Handel mit Bodenschätzen, geplanten Stadion- und TV-Projekten und gewinnbringendem Handel mit Transferrechten. Vom Unternehmen selbst gibt es so gut wie keine Informationen. »Dazu müssen wir nichts sagen«, erklärte Manager Direkter Dieter Fietz. So unklar sind die Geschäfte von ISP, dass die »SZ« die Frage in den Raum warf: »Soll über den 1. FC Union Berlin Geld gewaschen werden?«

Fragen, die die Vereinsführung nun nicht mehr zu beantworten braucht. Die Verbindungen zu ISP sind gekappt. Was mit dem Geld passiert, das bislang schon in die Köpenicker Kassen geflossen ist, soll durch eine »saubere Trennung« (Union-Pressesprecher Christian Arbeit) mit ISP geklärt werden. Jürgen Czilinsky ist sich derweil offensichtlich keiner Schuld bewusst. Zwar trat er noch am Montagvormittag von seinem Posten als Aufsichtsratschef zurück, gab sich auf Nachfrage der »SZ« allerdings wenig reumütig, ob seiner Vergangenheit als Stasi-Mitarbeiter. Das sei, so der 51-Jährige, doch nun schon »25 Jahre her«.