Warum Toni Kroos der wichtigste DFB-Spieler ist

Kein Mann für Pose und Inszenierung

Wenige, die komplexe Spielsituationen in so kurzer Zeit erfassen und daraufhin so schnell die - meist - richtigen Entscheidungen treffen können. Damit ist er prädestiniert für das Zentrum des Spiels, die Rolle des Scharniers zwischen Abwehr und Angriff. Und dann: wirkt dieser Kroos so erstaunlich stressresistent!

Er könne Spielsituationen »spontan richtig auflösen«, hat Kroos einmal gesagt, weil er sich darauf verlassen könne, den Ball »relativ ordentlich« annehmen zu können - und daher den Kopf frei habe. Bei Joachim Löw hört sich das so an: »Toni kann das Spiel mit seiner Technik in richtige Bahnen lenken.«

Langweiliger als Beagle-Hunde

Bei seinem Verein Real Madrid spielt er mit Cristiano Ronaldo zusammen, der nach außen alles überragt. Der wahre Macher aber ist Toni Kroos. Dass die meisten trotzdem nur von Ronaldo reden, ist ihm ganz recht. Nicht zuletzt sein Privatleben hält er - ganz anders als der extrovertierte Portugiese - genau: lieber privat. Über das, was dennoch bekannt ist, ließe sich zusammenfassend etwa sagen: Verglichen mit Ronaldo führt Kroos ein beinah schon langweiliges Leben.

Vor ziemlich genau drei Jahren hat Toni Kroos, geboren in Greifswald, mit zwölf umgezogen nach Rostock, seine Jugendliebe geheiratet. In diesem Sommer wird der gemeinsame Sohn fünf, die Tochter zwei. Kroos blühe auf, wenn er seine Kinder um sich habe, sagt einer aus seinem Umfeld. In Madrid lebt Kroos im abgeschotteten Viertel »La Finca« in Pozuelo de Alarcon, wo viele Stars von Real, auch Cristiano Ronaldo, wohnen. Familie Kroos hat zwei Beagle-Hunde, mit denen Toni Kroos gern Gassi geht. Im Garten hängt ein Basketballkorb, auf den er gelegentlich ein paar Bälle wirft.

Gefährlichste Waffe: vertikale Pässe

Im Fußball fürchten die Gegner ihn wegen seiner Passgenauigkeit. Seine Passquote in den zurückliegenden Jahren pendelt gleichbleibend hoch zwischen 97,5 und 99,5 Prozent. Dabei zählen die langen Bälle, gern über mehrere gegnerische Spieler hinweg, zu seinen Qualitäten. Oft genug reißen sie Lücken, in die Teamkollegen stoßen können, zeigen Laufwege und Räume auf und verschaffen seinen Mitspielern Zeit - das höchste Gut auf dem Feld.

Toni Kroos ist eineinhalb Wochen nach allen anderen Nationalspielern zur Mannschaft ins Trainingslager nach Südtirol gestoßen, als es fast schon vorüber war. Der Bundestrainer hatte dem deutschen Champions-League-Gewinner Sonderurlaub genehmigt. Kroos solle mal für ein paar Tage nicht an Fußball denken. Das sei für ihn wichtiger als trainieren. Oder, wie es Andreas Köpke, im Trainerteam für die Torhüter zuständig, sagte: »Der Toni ist ein Spieler, dem hätten wir bis zum ersten WM-Spiel freigeben können.«

Von welcher Bedeutung dieser Toni Kroos für die Nationalmannschaft ist, daran äußert innen wie außen keiner Zweifel. Allein das kann man sich fragen: Warum hat eigentlich nicht Toni Kroos die Binde am Arm, die doch nach wie vor als höchster Ausdruck genau dessen gilt, als eindeutige Würdigung, die auch noch der letzte Fernsehzuschauer versteht?

Kein Mann für Inszenierung

Kroos treibt diese Frage wohl nicht um. Es sei ihm nicht wichtig, für die Öffentlichkeit wichtig zu sein, hat er dazu gesagt. »Ich will für die Mannschaft wichtig sein und für den Trainer.«

Kroos hat sich ein Stück vorpommersche Gelassenheit hinübergerettet in die laute, schrille und oft auch überkandidelte Welt des Fußballs. Ihm sei nicht wohl, wenn jeder ihm auf die Schulter klopfe, sagt er. Dieser Mann taugt nicht fürs Posen, für die Inszenierung. Dabei würde die ihre Wirkung wohl kaum verfehlen. Allein auf Facebook hat er zwölf Millionen Follower, auf Twitter knapp sieben und auf Instagram folgen ihm 17,3 Millionen. Damit zählt er online zu den Nationalspielern mit den meisten Anhängern. Die Kanäle bedient er selbst. Als Kroos unlängst aus seinem Beraterteam den Hinweis bekam, gerade würden alle einem sehr bekannten Fußballer über die sozialen Medien zum Geburtstag gratulieren, ob er das nicht auch tun wolle, lehnte er mit der Antwort ab, er werde demjenigen mal eine SMS schreiben.