Warum sich Philipp Lahms Leben hervorragend fürs Theater eignet

Anatomie eines Jahrtausends

In München feiert ein Theaterstück über Philipp Lahm Premiere. Es ist keine Heldengeschichte, sondern ein Lehrstück über den modernen Fußball – und das Leben selbst.

Julian Baumann

Ausverkauft. Das kennen die Münchner so, wenn Philipp Lahm auftritt. Er, der hier achtzehn große Titel holte, Deutscher Meister, Pokalsieger, die Champions League. Aber anders als damals im Stadion, spannen sich heute keine Trikots über tätowierte Fan-Arme. Nein, heute steht es mindestens 10:0 für gestärkte Hemdkragen und 3sat-mäßige Seidenschals. Gleich beginnt die Premiere des Stücks »Philipp Lahm« am Münchener Residenztheater.

Der echte Philipp Lahm hat zwar eine Einladung bekommen, sagt die Theaterfrau am Einlass, aber er kommt nicht. Er wird ein irre lustiges Theaterstück verpassen; ein Lehrstück über den Fußball, über Männer und das Leben selbst. Aber dass er nicht kommt – selbst wenn ihm jemand ein Stück widmet! –, passt zu ihm. Lahm managt zwar seit seinem Karriereende einen Hersteller für Pflegeprodukte, pflegt aber nichts weniger als seinen Mythos als Münchner, ach was, als deutscher Held.

Vielleicht trinkt die Traumfrau Kirschsaft auf Korsika

Das Stück des Autor Michel Decar ignoriert Lahms Erfolge. Er sucht danach, was die Figur Philipp Lahm im echten Leben zu einer Projektionsfläche macht. Was macht dieser Ausnahmespieler, dass ihn jeder mag und die einzige Angriffsfläche seine geringe Körpergröße und der sehr jugendliche Bartwuchs ist? Ganz einfach: Philipp Lahm – großartig gespielt von Gunter Eckes - liegt auf der Couch, guckt die Tagesschau und knabbert »Rittersport Weiße Nuss«.

Szenenwechsel. Er schaut immer noch Fernsehen, mittlerweile die Tagesthemen. Szenenwechsel. Zahnpasta füllt jetzt seinen Mund: »Fernsehen und früh ins Bett gehen – das ist meine Haltung.« Einmal sagt Lahm im Stück, vielleicht trinkt seine Traumfrau gerade Kirschsaft auf Korsika. Aber er wird es nie herausfinden, das will er gar nicht, weil er glücklich ist, dass seine Ehefrau gerade im Wintergarten sitzt. Lahm ist kein Träumer, sondern mit dem zufrieden, was er hat. Wer nicht glauben will, dass deutsche Fußballfans sich nach einem solchen Leben sehnen, sollte sich mal die Werbespots während der »Sportschau« anschauen.

Sollen andere nach Pokertunieren fünfstellige Summen im Taxi liegen lassen

Mit Sicherheit, es gibt Fußballer, deren Leben sich viel eher für großes Theater eignen. Für Komödien oder Dramen. Aber genau dieses reibungslose Leben von Philipp Lahm fasziniert den Autor Decar. Zunächst ist Lahm für ihn ein Spießer, ein Langweiliger. Lahm fährt in einem mattgrauen Audi A8 über die Autobahn. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Sollen andere nach Pokertunieren fünfstellige Summen im Taxi liegen lassen – für ihn besteht die größte Herausforderung und das größte Glück darin, mit exakt 120 Stundenkilometern durch den Abend zu gleiten. 


Aber, sagt Autor Decar, »Philipp Lahm« sei auch ein Stück über Macht und Männlichkeit. Lahm habe etwa die Rolle als Kapitän der Nationalmannschaft völlig anders interpretiert als die Alpha-Tiere Matthäus oder Beckenbecker. Sie spielten Fußball nach deutschen Primärtugenden: effizient, zuverlässig und vor allem: hart. Philipp Lahm dagegen, der in seiner Karriere nicht eine einzige rote Karte sah, führte die Generation »Sommermärchen« an. Freundliche Khediras, süße Schweinis und harmlose Poldis, deren Nachfolger heute noch glitschiger durch die Mixed-Zones aalen, als man es Philipp Lahm jemals vorwerfen konnte.