Warum Schuster in Madrid ein Fremder bleibt

Gefangener seines Egos

Bernd Schuster gewinnt mit Real Madrid die spanische Meisterschaft. Auch haben die Königlichen unter seiner Führung an Spielkultur hinzugewonnen. Dass man dort trotzdem an seiner Eignung zweifelt, liegt in erster Linie an ihm selbst. Warum Schuster in Madrid ein Fremder bleibtImago Wenn es Begriffe gibt, die das neue Meisterensemble von Real Madrid definieren, dann sind es Tugenden, die so gerne deutschen Mannschaften zugeschrieben werden: Disziplin. Einsatzwillen. Kampfkraft. Zuverlässigkeit. Charakter. Unbeugsamkeit. Es sind Punkte dieser Art, in denen Real seinem natürlichen Feind und Hauptkonkurrenten, dem FC Barcelona, in dieser Saison eklatant überlegen war.

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Es wäre das Einfachste, dies dem Einfluss von Trainers Bernd Schuster zuzuschreiben, immerhin ist er in Augsburg geboren. Doch in Wahrheit ist dies nur eine der vielen Facetten, in denen es unter Schuster eine Fortschreibung des Bestehenden gegeben hat. Denn die Basis, auf der Real Madrid seinen 31. Meistertitel errang, schuf Schusters italienischer Vorgänger Fabio Capello.

Dessen Erbe behutsam verwaltet zu haben, ist das Hauptverdienst Schusters. Und es wäre ein Fehler, dies gering zu schätzen. Einem Ensemble, das stets um sein seelisches Gleichgewicht kämpft, über einen so langen Zeitraum so viel Opferbereitschaft abzuringen, will erst einmal vollbracht sein. Das exzellente Spiel, das Präsident Ramón Calderón bei der Vorstellung Schusters vor Jahresfrist eingeklagt hatte, ist die neue Generation Real Madrids zwar zu oft schuldig geblieben, als dass man von einer betörenden Elf sprechen könnte.

Doch unbestritten bleibt, dass Madrid unter Schuster an Spielkultur hinzugewonnen hat. Größere Veränderungen waren schon deshalb nicht möglich, weil die handelnden Figuren im Spiel die Fußballer sind - die tragenden Gestalten bei Real Madrid waren weitgehend die gleichen wie im Vorjahr. Schuster selbst aber hat durch intelligentes Coaching einigen Spielen interessante Wendungen gegeben, gerade in den vergangenen Wochen.

Ohne Not in Konflikte begeben

Die letzten verbliebenen Zweifel an seiner Eignung als Coach des spanischen Rekordmeisters hat er mit dem Titel wohl endgültig beseitigt. Dass im Umfeld Reals - in den Medien, aber auch im Verein - bis zuletzt ein letzter Rest an Ungewissheit bestand, hatte vor allem einen Grund: Schuster selbst. Ohne Not hat er sich in Konflikte mit Trainerkollegen, Schiedsrichtern und vor allem den Medien des »Weißen Hauses« begeben.

Als Gefangener seines komplexen Egos schuf er sich so viele Feinde, wo keine waren, dass er um ein Haar sein Projekt aufs Spiel gesetzt hätte. Weil dies viel zu interessant anmutet, neugierig macht auf mehr, ist nicht nur für ihn zu hoffen, dass ihm der Titel Gelassenheit verleiht. Drei Jahre hat er sich ausbedungen, um ein Projekt zu zementieren, das auch ästhetisch überzeugt. Das ist sehr viel Zeit. Nicht nur in Madrid. Aber hier besonders. Durch den Titelgewinn hat Bernd Schuster sein Zeitkonto aufgestockt.