Warum Schmadtkes Wolfsburg-Wechsel schmerzt

Das größere Übel

Jörg Schmadtke wird neuer Geschäftsführer Sport beim VfL Wolfsburg. Dem Klub kann man dazu nur gratulieren. Schmadtke muss man seine Entscheidung allerdings krumm nehmen.

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Ich-Texte können eine ganze schöne Qual sein. Wer Ich-Texte schreibt, ist oft einfach nur zu faul, zu recherchieren. In sich selbst zu graben, geht schließlich immer und meist recht einfach. Selbst bei Seelchen, die sich als ganz gebrechlich in die Welt stellen. Aber ich schweife ab. Denn eigentlich geht es hier nicht um mich, sondern um Jörg Schmadtke. Und dass Jörg Schmadtke zum VfL Wolfsburg wechselt.

Ich bin Fan von Borussia Mönchengladbach. Ich müsste Jörg Schmadtke doof finden. Weil er aus Düsseldorf stammt, weil er bei Fortuna groß und zum Bundesligatorhüter wurde. Weil er »unserem« Uwe Kamps, dem schönen Uwe, immer mal wieder die Show stahl. Mit einer Lockenpracht, auf die ganze Palmenhaine neidisch sein konnten. Mit seinen schrillen Torwart-Trikots, die er zeitgleich mit Kamps in die Welt stellte, was Frechheit genug war, schließlich sollte der gefälligst einzigartig sein und bleiben. 

Ein herausragender Typ, aber

Ich müsste Jörg Schmadtke doof finden, weil er später bei Alemannia Aachen herausragende Arbeit als Manager geleistet hat. Unter seiner Ägide kam der zuvor darbende Verein nach einem Halbfinalsieg über Gladbach (!) ins Pokalfinale 2004, in den Europapokal und später in die Bundesliga. 

Ich müsste Jörg Schmadtke doof finden, weil er sich nach Düsseldorf und Aachen auch noch eines dritten rheinischen Rivalen annahm, dem »schlimmsten«, dem »Effzeh« aus Köln. Und wieder: herausragende Arbeit, Europapokal, dies das.



Ich müsste Jörg Schmadtke doof finden.

 Ich fand Jörg Schmadtke bisher aber: fantastisch. Das liegt nicht an Verblendung schlimmsten Fan-Grades, nicht daran, dass er einst und aus einer wirren Laune der Fußballnatur heraus auch bei Borussia Mönchengladbach (Ersatz-)Torwart und Co-Trainer war (´98/99, null Einsätze). Sondern einzig daran, dass Jörg Schmadtke neben seiner herausragenden Arbeit (wobei ja auch noch Hannover zu erwähnen wäre: Europapokal, klar) ein herausragender Typ ist. 

Selten und beeindruckend

Erst vergangenen Freitag war dies wieder auf das Einfachste ersichtlich. Da saß er im Berliner Zoo-Palast, beim 11FREUNDE-Saisonrückblick, und ordnete leichter Hand die Gesprächsrunde, wenn sie denn mal in Plattitüden zu verfallen drohte, ordnete sie fernab aller Floskeln in die Realität. Lockerte die Gesprächsrunde und den kompletten Saal, wenn die Verkrampfung schwergängiger Themenkomplexe es gebot. Und ließ den ebenfalls geladenen Thomas Helmer alt aussehen. Sehr alt.



Schmadtke würde auch einen famosen Moderator abgeben. Die Überzeugung, dass er den Job als Sportdirektor/Manager trotzdem noch eine ganze Ecke besser beherrscht, ist ein starkes Kompliment. Die Überzeugung, dass er trotz aller Entscheidungsgewalt und aller weitreichenden Folgen dieser Entscheidungen noch immer locker und entspannt wirkt, ist zum einen viel zu selten, zum anderen schlicht beeindruckend.