Warum San-Lorenzo-Fans Abendspiele fürchten

Warum die Polizei wegsieht

Alteingesessene San-Lorenzo-Fans behaupten bis heute, die Machthaber hätten den Verein wegen seiner baskischen Wurzeln zerstören wollen. Schließlich galt das Baskenland einst als Widerstandsnest gegen Spaniens rechten Militär-Machthaber Franco, einen geistigen Bruder der argentinischen Junta-Generäle. 

Diese beteuerten scheinheilig, an Stelle des Stadions dringend benötigten Wohnraum errichten zu wollen. Letztlich aber wurde auf dem heiligen Boden nur ein schnöder Supermarktkomplex hochgezogen. Einzig die Tango-Abteilung des Klubs verblieb in Boedo. Ihr Tanzsaal dient bis heute als Treffpunkt für Fans. 

Die Fußballer des CA San Lorenzo, zu deren treuesten Fans schon damals ein gewisser Jorge Mario Bergoglio (heute: Papst Franziskus) zählte, mussten zusehen, wo sie bleiben. Erst nach 14 endlosen Vagabunden-Jahren mit ständig wechselnden Spielstätten landete man schließlich dort, wo die Grundstücke besonders billig waren, weil niemand dorthin wollte: in Flores, das seit je her zu den ärmsten Barrios im Süden der Hauptstadt zählt. Und zu den gefährlichsten.

Keine Heimspiele mehr in den Abendstunden

1993 bezog der CA San Lorenzo seine neue Heimspielstätte mit knapp 48.000 Zuschauerplätzen. Doch so viele kamen fast nie. Vom ersten Tag an fremdelten viele Fans mit der neuen Umgebung, die mit jeder nationalen Wirtschaftskrise rauer und krimineller wurde. 

»Heute ist Flores ein völlig gesetzloser Ort. Die Angst ist immer dabei, wenn du zum Stadion gehst«, klagt Carlo Rodriguez. »Ich selbst gehe nur noch äußerst selten hin – und vor allem: niemals, wenn es dunkel ist, denn dann bist du dort deines Lebens nicht mehr sicher.«

Nun will die Klubführung die Notbremse ziehen und zumindest in den Abendstunden keine Heimspiele mehr austragen: »Aufgrund der Raubüberfälle, die unsere Fans in der Nähe des Stadions erleiden, bleibt uns keine andere Wahl«, schrieb Präsident Matias Lammens in einer verzweifelten Petition an die Liga.

Skurrile Szenen

In Krisengesprächen zeichneten die Verantwortlichen des CA San Lorenzo ein dramatisches Bild von der Lage vor Ort: So klauen Kriminelle auf bewachten (!) Parkplätzen während der Spiele in aller Seelenruhe Felgen, Autobatterien und Airbags – oder sie nehmen gleich die kompletten Fahrzeuge an sich. Mit dem Taxi zu den Spielen zu fahren, ist auch keine Alternative. Die meisten »Taxistas« weigern sich, Flores anzusteuern.

Und die Polizei? Die ist zwar präsent, aber irgendwie nicht bei der Sache. Vor den kriminellen Banden von Flores fürchten sich auch hartgesottene Gesetzeshüter, was mitunter zu skurrilen Szenen führt: Sieht ein Schutzmann, wie eine Gangsterbande einem Fan auf offener Straße das Handy entreißt, wendet er dem Geschehen ganz einfach den Rücken zu.

Noch ehe das Opfer auf sich aufmerksam machen kann, sind die Täter im engen Geflecht der kleinen, dunklen Seitenstraßen verschwunden. Sie verfolgen? »›Das hat keinen Zweck‹ hörst du dann von den Polizisten«, sagt Carlo Rodriguez und lacht, obwohl es eigentlich zum Heulen ist. »Außerhalb der Spieltage traut sich eh kaum ein Polizist in diese durch und durch düstere Gegend.«