Warum Real-Atletico so unerträglich war

Verschenkte Lebenszeit

90 Minuten »Fußball«, ein Spiel für Fans mit Selbsthass. Gerade noch so schrieb Christoph Biermann diesen Text über Real gegen Atletico. Dann fiel er in Ohnmacht.

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Es war ein sehr schöner Tag gestern in Madrid. Die Sonne schien, die Orangenbäume blühten, es lag Frühling in der Luft. Man hätte wunderschöne Dinge unternehmen können, es musste ja nicht unbedingt der Besuch eines Fußballstadions sein.

Das ist eine erstaunliche Feststellung, denn eigentlich ist es immer eine schöne Sache ins Stadion zu gehen, aber eben nicht, wenn zwei Mannschaften zum achten Mal in einer Saison aufeinandertreffen. Es ist ziemlich irre, dass so etwas überhaupt möglich ist, aber in Spanien geht das. Zweimal hatten Real und Atletico Madrid bereits in der Meisterschaft gegeneinander gespielt, zweimal im Pokal, der hier in Hin- und Rückspielen ausgetragen wird und zweimal im Supercup, wo Meister und Pokalsieger gegeneinander antreten.

Champions League – wo der Rest des Kontinents lokale Angelegenheiten aufgedrückt bekommt

Mit ihrem Dauergekicke gegeneinander war die Welt bislang nicht sonderlich behelligt worden, aber zum Elend des so genannten modernen Fußballs gehört es eben, dass in der so genannten Champions League nicht nur die Meister eines Landes spielen, sondern auch die Zweiten, und manchmal sogar der Dritte und der Vierte. Und wenn sie gegeneinander gelost werden, guckt plötzlich ganz Europa zu. Das hat den komischen Effekt, dass der Rest des Kontinents eine lokale Angelegenheit aufgedrängt bekommt. Im schönen Estadio Santiago Bernabeu war es daher so, wie plötzlich bei fremden Leuten in der Wohnung zu landen und freundlich darüber wegsehen zu müssen, dass noch ungewaschene Unterhosen auf dem Couchtisch liegen und abgeschnittene Fußnägel im Aschenbecher. Schließlich waren die Leute so mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht richtig merkten, wie viele Leute von außerhalb dabei waren.

Ist ja kein Ding, nur werden Spiele zwischen zwei Mannschaften nicht dadurch besser, dass sie häufig ausgetragen werden. (Es sei in diesem Zusammenhang nur an die tragische Meisterschaft im DDR-Eishockey erinnert, wo Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser wahrscheinlich heute noch gegeneinander spielen würden, wenn die Wende nicht gekommen wäre.) Außerdem ist der Fußball irgendwie nicht für Best-of-einen Haufen-Spiele gemacht. Kurzum: Gestern in Madrid wurde wertvolle Lebenszeit von vielen Millionen Fußballzuschauern von zwei Mannschaften vergeudet, die sich so gut kannten, dass irgendwann jeglicher Fußball aus diesem Kick entwichen war.