Warum N'Golo Kanté so gut ist

Er kam nur durch Flüstern nach England

Schwarzer fuhr fort, man müsse Kantés Spiel genau beobachten, er selbst sei dabei jedes Mal »gefesselt«. Kanté gewinnt verloren geglaubte Bälle zurück, er kommt dabei erstaunlich oft ohne Foul aus. Seine Tacklings sind nicht besonders körperbetont, er liest die Bewegungen seines Gegenspielers und gewinnt die Bälle deswegen mit kleinen, schnellen Bewegungen. Er mag ein Konditionswunder sein, doch er spult nicht sinnlos Kilometer ab, sondern schließt gekonnt die Räume.

Bei eigenem Ballbesitz führt Kanté den Ball eng am Fuß, seine Pässe sind genau getimt, auch wenn er sie selten hinter die letzte Linie spielt. Seine Passgenauigkeit lag in bereits in seiner ersten Premier-League-Saison bei 89 Prozent. An der Scharnierstelle zwischen Defensive und Offensive leitet er nicht nur einen Großteil der Angriffe ein, sondern hält sehr viel Druck vom eigenen Strafraum weg. Gary Lineker fasste das Phänomen während Leicesters Schwächeperiode 2017 so zusammen, als er über deren Innenverteidigung twitterte: »Morgan und Huth sind ohne Kanté eben doch nur Morgan und Huth.«

Nicht viel größer als die Pokale

Dabei ist Kanté gemessen an seiner enormen Zweikampfstärke mit seinen 1,69 cm relativ klein und nicht sonderlich robust. Schon in der Jugend, so erzählen es seine ehemaligen Trainer, sei er nur unwesentlich größer gewesen als die Pokale, die er gewann. Vor den Sommerferien sagte ihm einst einer seiner Coaches, er solle daran arbeiten, den Ball hochzuhalten. Kanté kam nach den Ferien zurück und hielt den Ball 50 mal links, dann 50 mal rechts und 50 mal mit dem Kopf in der Luft. Sein Ehrgeiz sei ebenso ausgeprägt wie seine Bescheidenheit. Schon während seiner ersten Profijahre in Frankreich nahm er einen Scooter, um seine Einkäufe im Supermarkt der Stadt zu tätigen. Zum Training fuhr er in einem klapprigen Renault, in Leicester wechselte er den Wagen. Er entschied sich für einen Mini.



Der unscheinbare Kanté wäre wohl noch immer im französischen Caen unterwegs, wenn nicht Leicesters einstiger Topscout Steve Walsh 2015 derart überzeugt von ihm gewesen wäre. Walsh redete immerzu auf den Cheftrainer Claudio Ranieri ein, diesen kleinen Franzosen zu holen. Doch Ranieri zweifelte an dessen Physis. Wenn die beiden sich danach auf den Fluren des Trainingsgeländes begegneten, flüsterte Walsh immer wieder: »Kanté! Kanté!« Bis Ranieri irgendwann ein Einsehen hatte – und für 5,6 Millionen Pfund den besten Transfer der letzten Jahre in England tätigte.

Er spricht!

Es war der Beginn einer Sensation auf dem Rasen – und im Netz. Beides beeindruckt Kanté nicht im Übermaß, von ihm ist ein für seine Verhältnisse unglaublich langer Monolog überliefert: »Meine Teamkollegen haben mir von den Kanté-Facts erzählt. Das ist schon etwas lustig. Aber ich decke nicht 30 Prozent der Erde ab.«

Mag sein. Seine Fans aber pochen weiter auf folgende Statistik: Die Heatmap eines Spiels von N’Golo Kanté hat die globale Erwärmung um zehn Jahre beschleunigt.