Warum Mauricio Sarri besonders ist

»Eine gute Abwehr kannst Du nicht kaufen«

Und auch der Vergleich mit Sarri ist nur ein Streifschuss. Denn der Defensive gilt das tatsächliche Hauptaugenmerk seiner täglichen Trainingsarbeit. Er ist sich sicher: »Eine gute Abwehr kannst Du nicht kaufen, die musst Du Dir im Training erarbeiten.« Die Grundlagen dafür legt er auch weiterhin in fast schon manischer Detailarbeit. Bis zu 13 Stunden pro Tag beschäftigt er sich mit seinem Fußball. Woche für Woche fertigt er zu jedem seiner Spieler ein ausführliches Dossier an: Wo liegen seine technischen und taktischen Schwächen, wie steht es um die Psyche?

Die Akribie und Hingabe, mit der er an jedem Einzel-Teil des Spiels schraubt, die unverkennbare Handschrift »seines« Fußballs hat ihm schließlich sogar Vergleiche mit Arrigo Sacchi eingebracht — dem Über-Trainer des italienischen Klub-Fußballs. Ein Ritterschlag. Und so soll vor der Saison 2015/16 der AC Mailand an ihm interessiert gewesen sein. Doch der knurrige, politisch eher linke Sarri, der sich im Marsch durch die Ligen niemals von seinem Trainingsanzug trennen konnte, war dann doch zu viel für den damaligen Klub-Patron Silvio Berlusconi. 

Der »Ex-Angestellte«, für Sarri ein Kompliment

Er hätte ohnehin keine Chance gehabt. Denn spätestens als Sarris Empoli am 33. Spieltag 2014/15 gegen »seinen« SSC Neapel antrat und das Team von Rafa Benitez mit 4:2 aus dem Stadion spielt, steht er auch bei seiner großen Liebe auf dem Notizzettel. Und auch wenn Sarri vielleicht nicht die erste Wahl des Klubs war und vorerst auch nur mit einem Ein-Jahres-Vertrag ausgestattet wird — das Märchen steht kurz vor seinem Happy End. Bis Neapels Heiliger, bis Diego Maradona das Wort ergreift, da der Saisonstart mit nur einem Punkt nach drei Spielen gegen eher schwächere Gegner in die Binsen geht. 

Die Spötter sind schnell zur Stelle. Sie sehen ihn beim Neapolitaner Star-Ensemble überfordert, nennen ihn an Anlehnung seines Vorlebens als Banker den »Ex-Angestellten«. Für Sarri ein Kompliment. Er ist sich sicher, im Job viel über Organisation und Team-Building gelernt zu haben. Und wendet es an. Bleibt Vorreiter. Zeichnet als erster Trainer überhaupt jedes einzelne Training mit einer Drohne auf. Und schafft es, das Potential seiner Star-Kicker zu wecken. So zählt er Gonzalo Higuain an: »Ich habe ihm gesagt, dass er faul ist. Und dass er niemals der beste Stürmer der Welt wird, wenn er nicht seine Einstellung überdenkt.« Higuain versteht und schießt in 35 Spielen für Neapel 36 Tore. Mittlerweile trägt er das Trikot von Juventus Turin.  

Und Diego sagt »I'm Sarri«

Die Akribie und Aufrichtigkeit tragen Früchte. Nach Maradons Göttergrollen zu Beginn holt Neapel acht Siege und zwei Unentschieden aus zehn Spielen. Neapel wird am Ende der ersten Saison unter Sarri Zweiter der Serie A - hinter der uneinholbaren, weil dominanten Juventina. In den folgenden zwei Jahren steigert Sarri kontinuierlich die Punktausbeute, landet auf dem dritten und erneut auf dem zweiten Platz.

Vor allem in der vergangenen Saison war die italienische Meisterschaft offen wie seit Jahren nicht. Unter Sarris Regie wurde Neapel zu einem der spannendsten Projekte des europäischen Fußballs. Findet auch einer, den ansonsten so ziemlich alle am spannendsten finden: Pep Guardiola. Der nach Ablauf der vergangenen Saison über Sarri sagte: »Er ist einer der absoluten Besten.« Neapel zuzuschauen, sei ein »Spektakel« gewesen, und weiter: »Wir beurteilen die Leute nach dem, was sie gewonnen haben, aber der Fußball, den Napoli in dieser Saison gespielt hat, war nicht von dieser Welt. Wenn er in die Premier League kommt, wäre es eine Freude, ihm zu begegnen.«

Der den Fußball aufweckt

Fabio Capello, als Trainer spanischer, italienischer Meister und Champions League-Sieger, geht sogar noch weiter: »Dank Sarri gibt es etwas Neues im Fußball. Etwas Interessantes. Alle 20 Jahre gibt es irgendeine Innovation. Nach Ajax kam Sacci's Mailand, dann Guardiola, der den Fußball etwas eingeschläfert hat. Zum Glück weckt Sarri ihn wieder auf.«

Und auch Maradona gab bald sein Plazet: »Ich lag falsch bei ihm. Ich bitte um Vergebung.« Der Schutzheilige hat gesprochen. Sarri wird es ungerührt zur Kenntnis genommen haben. Diego kann schließlich sagen, was er will.