Warum Mauricio Sarri besonders ist

»Man muss erst einige Male sterben, um wirklich leben zu können«

Der Sohn wollte und sollte seine Entscheidung nicht bereuen. Er wechselt zum Ligarivalen AC Sangiovannese, steigt auf und hält im Anschluss souverän die Klasse. Spätestens da hat er Blut geleckt. Für Fußball-Romantik ist auf der Hatz durch die Ligen allerdings kein Platz. Verbundenheit zu einem Verein kennt Sarri nicht. Die Serie B ruft, also geht er zu Pescara Calcio. Nur ein Jahr später wechselt er innerhalb der Liga zum AC Arezzo. Der Klub scheint mehr Potential zu besitzen. Sarri ist schließlich nicht umsonst in den Fahrstuhl gestiegen, er will jetzt möglichst schnell auf’s Sonnendeck, in die Serie A. 

Doch der gelernte Banker verkalkuliert sich. Arezzo entpuppt sich als Fahrstuhl zum Schafott. Nach 28 Spieltagen wird Sarri entlassen. Ein Rückschlag, von dem er sich so schnell nicht wieder erholt. Und so folgen Engagements bei Hellas Verona, dem AC Perugia oder US Grosseto; oft nur wenige Monate kurz. 2011 schließlich landet er bei Sorrento Calcio, zurück in der dritten Liga. Aber auch dort hält es ihn nur ein knappes, halbes Jahr, ehe die erneute Entlassung kommt.

Mit 55 in der Serie A angekommen

Für Sarri kein Grund zur Klage. Er findet: »Ein hartes Los ist es, um sechs Uhr aufzustehen, um ins Stahlwerk zu fahren und dort zu arbeiten. Im Fußball haben solche Vokabeln und Gedanken nichts zu suchen.« Abgesehen davon weiß er, dass das Leben auch darin besteht, Mist zu fressen. Sarri liebt John Fante. Und Charles Bukowski: »Man muss erst einige Male sterben, um wirklich leben zu können.«

Es könnte die Überschrift seiner Karriere sein. Denn nach den vielen kleinen Toden, die er seit der Enttäuschung in Arezzo erlitten hat, scheint sein wahres Trainerleben erst im Sommer 2012 zu beginnen. Der FC Empoli, im Vorjahr nur knapp dem Abstieg in die dritte Liga entkommen, verpflichtet Sarri; es ist das große Los. In der Premieren-Saison scheitert Empoli zwar noch an den Aufstiegs-Playoffs. Doch im Jahr darauf qualifiziert sich der Klub direkt für die Serie A. Sarri ist angekommen. Nach 24 Jahren als Trainer. Im Alter von 55 Jahren. Und entschlossen zu bleiben. Mit einer Truppe von No-Names und mit dem kleinsten Etat der Liga sichert er den Klassenerhalt — vier Spieltage vor Schluss. Mit beeindruckend forschem Offensiv-Fußball.

Für Italien atypischer Fußball

Der folgt einem festen Muster, das in Italien seinesgleichen sucht. Entgegen der italienischen Moderne schwört Sarri auf eine Viererkette. Deren einziger Sinn und Zweck: Die Verteidigung. Die Außen- stehen selten höher als die Innenverteidiger, überqueren kaum einmal die Mittellinie und sind im Spielaufbau nur Randnotiz. Im Spiel gegen den Ball setzt er auf ein für den italienischen Fußball geradezu atypisches, extrem hohes Pressing. Die Vorliebe zur offensiven Lösung hat Sarri schnell Vergleiche mit dem legendären Zdenek Zeman eingebracht. »Der Böhme« war einst angetreten, den Italienern zu beweisen, dass man auch mit einer kleinen Flut an Gegentoren Titel gewinnen könne — sofern man selbst nur genug Tore erzielt. Es blieb beim Versuch.