Warum Löws Neuling so stark ist

Nationalmannschaftsdebüt — dem Pech des Idols sei dank

Doch trotz all dieser Umstände spielt Tah fortan nicht nur in der U23 des HSV, in die er halb aus Not, halb aus Schutz komplimentiert wird. Er hilft auch noch bei seinen Jungs von der U19 aus. Denn auch die stecken mitten im Abstiegskampf. Da kann einer wie er nicht einfach tatenlos zusehen. 

Und obgleich er allen Grund dazu hätte – Starallüren sind ihm fremd. Findet auch Kurosh Niakan, Masseur des Amateurteams: »Jonathan gehört zu den bodenständigen, der immer sehr respektvoll mit allen umgeht. Und der dementsprechend auch sehr beliebt ist. Der sich nichts drauf einbildet, wenn er Erfolge hat.«

Eine Einschätzung, mit der er nicht allein ist. So sagt auch U21-Trainer Horst Hrubesch: »Was mich am meisten freut, ist sein Charakter. Er ist selbstbewusst und ehrlich, auch zu sich selbst. Er weiß, was er tun muss.« Nicht, dass Hrubesch nicht auch auch sportlich angetan wäre von Tah: »Er hat ein hervorragendes Auge, antizipiert stark und verfügt zudem über eine unheimlich gute Geschwindigkeit.« 

Gegen sein eigenes Leitbild

Eigenschaften, die Tah nach einer auch für ihn persönlich turbulenten Saison in der Folge auf Leihbasis bei Fortuna Düsseldorf unter Beweis stellen kann. Er weiß auf Anhieb zu überzeugen, wird zu einem der besten Innenverteider der Zweitliga-Saison 2014/15.

Und auch wenn der HSV der Leihe nur unter Prämisse zustimmt, Tah anschließend keinesfalls zu verkaufen, veräußern sie ihn Anfang dieser Saison an Bayer Leverkusen. Weil der HSV die kolportierten zehn Millionen Ablöse braucht. Trotz des neuen HSV-Leitbilds, dass sich der Klub unlängst verschrieben hat. Von »Teamgeist, Siegeswille, Leistungsbereitschaft, Bescheidenheit und Kritikfähigkeit« ist da die Rede. Es liest sich wie ein Steckbrief von Jonathan Tah.

Aber auch er will den Schritt unbedingt gehen. Schätzt das ruhige Umfeld in Leverkusen und das Gefühl, dass sie dort bedingungslos auf ihn setzen.

Ein schlauer Schritt, wie selbst HSV-Legende Horst Hrubesch findet: »Mit seinem Wechsel nach Leverkusen hat er sich zu hundert Prozent richtig entschieden.« Dort kommt er sofort in die erste Elf. Bestreitet bis auf verletzungsbedingte zweieinhalb Bundesligaspiele jede einzelne Minute, die Bayers vollgestopfter Terminkalender zu bieten hat. Überzeugt in der Bundesliga gegen Aubameyang, Müller und Lewandowski. Und meldet in der Champions League selbst Neymar, Messi und Suarez ab. In einer Art und Weise, die auch seine Mitspieler beeindruckt. So wie Kevin Kampl: »Jonathan ist so abgeklärt, der ist so ein Riese, da denke ich niemals, dass er erst 19 ist. Ich weiß nur, dass ein Bär hinter mir ist, der mir den Rücken freihält.«

»In zwei Jahren ist er Weltklasse«

Ein Bär, von dem Horst Hrubesch sagt: »In zwei Jahren ist er Weltklasse.« Und der muss es wissen. Er hat schließlich 2009 die U21-Europameisterschaft gewonnen. In der Innenverteidigung damals neben Mats Hummels: Jerome Boateng. Das große Vorbild für Tah, der über den Bayern-Profi in der SportBild sagte: »Für mich ist er der beste Innenverteidiger der Welt. Er verteidigt nicht nur defensiv überragend, sondern er ist auch gleichzeitig der erste Spielmacher des Teams. Ich versuche, viel von ihm abzugucken, und schaue mir, wenn möglich, extra noch die Bayern-Spiele an. Wie er in brenzligen Situationen reagiert, das versuche ich später im Training oder im Spiel umzusetzen.« 

Einstweilen steht er nun dank seines Talents, seines Eifers und nicht zuletzt auch dank seiner Persönlichkeit erstmal vor seinem ersten Länderspieleinsatz. Als Boateng-Ersatz. Aber lange wird es sicher nicht mehr dauern, bis er neben seinem Idol für Deutschland aufläuft. Vielleicht drehen sie dann wieder einen Film über ihn. Wir wüssten auch schon den Titel: »Projekt Europameister«.