Warum Liverpool-Fans im Stadion wieder stehen wollen

You'll never stand alone

Stehplätze sind in England seit der Hillsborough-Katastrophe verboten. Nun wollen ausgerechnet Fans des FC Liverpool das Verbot kippen. Ein Drittligist ist bereits einen Schritt weiter. Steht das Ende der englischen Sitz-Arenen bevor?

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Viel gemeinsam haben der Shrewsbury Town Football Club und der Liverpool Football Club nicht. Hier der Weltverein von der Anfield Road mit Stars wie Daniel Sturridge auf dem Platz und dem Kultkauz aus Deutschland auf der Bank. Dort, 70 Meilen südlich, der Provinzclub, der seine Spiele vor wenigen tausend Zuschauern im New Meadow Stadium austrägt und von dem nicht mal die eigenen Fans wissen, wie sie ihn aussprechen sollen: »Shrooooosbury« oder »Shrouuuwsbury«?

Und doch könnten Liverpool und Shrewsbury nun zusammen Fußballgeschichte schreiben - indem sie unabhängig voneinander darauf drängen, dass in englischen Stadien bald wieder Stehplätze gebaut werden könnten.

Gerade veröffentlichte die Fan-Union Spirit of Shankly (SOS) vom FC Liverpool eine Studie, für die sie 18.000 Anhänger des eigenen Clubs befragten, ob diese die Wiedereinführung einer Stehtribüne befürworteten. 88 Prozent der Fans beantworteten die Frage mit ja, nur fünf Prozent sprachen sich dagegen aus. 28 Jahre nach der Katastrophe von Hillsborough ist das ein bemerkenswertes Ergebnis.

Die Katastrophe löste das Verbot aus

Damals, im April 1989, starben 96 Liverpool-Fans nach einer Massenpanik auf den Stehplätzen des Hillsborough Stadiums in Sheffield, worauf Lord Taylor seinen berühmt gewordenen Taylor-Report verfasste, der sich mit den Ursachen der Katastrophe beschäftigte. Obwohl Taylor die Einführung eines all-seater stadiums nicht ausdrücklich forderte, verbannte Premierministerin Margaret Thatcher daraufhin die Stehplätze aus allen englischen Fußballstadien - später beschränkte sie die Regelung auf die beiden höchsten Ligen. Es war auch ein Zeichen an die Hinterbliebenen: Eure Frauen und Männer haben mit ihrem Tod etwas bewirkt.

Die Organisatoren der Umfrage wussten um die Sensibilität der Angelegeheit. Immer wieder während der letzten neun Monate sprachen sie mit Überlebenden und Opfer-Angehörigen der Katastrophe, bevor sie ihre Umfrage starteten. Explizit berechnete SOS dann auch die Stimmen derjenigen, die noch auf der alten Liverpooler Stehtribüne “The Kop” standen, also im Jahr 1994 zwölf Jahre oder älter waren - und damit auch Hillsborough miterlebt haben. Unter diesen Fans stimmten 85 Prozent für die Wiedereinführung der Stehplätze.

In einem Statement schreibt SOS: »So ein Ergebnis mit einer überwältigenden Mehrheit für Stehplätze kann nicht ignoriert werden. Es war immer unsere Absicht dafür zu sorgen, dass alle Fans sich beteiligen, verschiedene Meinungen anhören und dann entscheiden. Das ist nun passiert. Seit die Debatten begannen, wurden Liverpool-Fans und die Hillsborough-Katastrophe als Grund gegen eine Wiedereinführung der Stehplätze verwendet. Nun ist unsere Sicht auf die Dinge bekannt und wir ermutigen jeden dazu, über dieses Ergebnis nachzudenken...«