Warum Lewis Holtby so wichtig für den Hamburger SV ist

Das Beispiel einer Entwicklung

Als Heilsbringer angepriesen, enttäuschte Lewis Holtby in seiner ersten Saison beim Hamburger SV. In diesem Jahr ist alles anders. Auch weil der HSV wieder zu einer Mannschaft geformt wurde.

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»Lewis ist der Anführer unserer Mannschaft, ein Kapitän, wie ihn sich ein Trainer nur wünschen kann«, stellte Rainer Adrion, Trainer der U21-Nationalmannschaft vor drei Jahren, kurz vor Beginn der U21-Europameisterschaft klar. Holtby, der kurz zuvor auf die Insel zu den Tottenham Hotspur gewechselt war, galt als der unumstrittene Star des Teams. Zugegeben, weil Marco Reus und Mario Götze schon lange nicht mehr mit »den Kleinen« spielten. Schon nach dem ersten Gruppenspiel, einem 4:1 gegen Zypern, zeigte sich, dass Holtbys Hang zur Führungskraft auch für Irritationen sorgen kann. Aufgestellt als rechter Mittelfeldspieler lockte es ihn immer wieder in die Zentrale. Denn Holtby wollte mehr, dorthin wo der Ball ist – manchmal zu Lasten des Teams.

Drei Jahre später, im Dress des Hamburger SV, hat sich der 25-Jährige verändert. Er ist ein Führungsspieler. Weil er seine Mannschaft, den kollektiven Erfolg, über alles stellt.

Vom Bruchweg-Boy zum Nationalspieler

Als Holtby vor zwei Jahren, im Sommer 2014, an die Elbe kam, las sich seine Vita wie die eines Fußballrentners. Als A-Jugendlicher des jüngeren Jahrgangs schon im Zweitligakader von Alemannia Aachen eingesetzt, das Interesse von Schalke 04 auf sich gezogen, ausgeliehen zum VfL Bochum und dem FSV Mainz. Bruchweg-Boy und Nationalspieler geworden. 21. Geburtstag. Zurück zu Schalke und das Erbe von Raúl antreten. Den auslaufenden Vertrag nicht verlängern, mit seiner Absage den Hass der Fans auf sich ziehen. Dann auf die Insel, die Heimat seines Vaters. Bei Tottenham nie durchgesetzt, mit dem FC Fulham (Leihe) abgestiegen. Ab nach Hamburg.

Mit 24 Jahren hatte Holtby mehr gesehen, mehr erlebt, als jeder zweite Protagonist von National Geographic.

Angekommen in Hamburg wurde Holtby nicht immer freundlich empfangen, Als Hoffnungsträger war er in die Stadt gekommen, dessen Verein nach einer glücklichen Relegation den Abstieg gerade so noch abgewendet hatte. Durch ein Tor von Pierre-Michel Lasogga. Solche hatte es in Hamburg gebraucht. Jungs, die auch bei Blohm+Voss malochen könnten. Spieler, die zuletzt auf sich aufmerksam machten, weil sie auf Schalke »weiter auf mehr Millionen in der Premier League« zockten (Bild, 27.12.2012), passten nicht recht ins Bild. Jemand, der unter Huub Stevens für Ärger sorgte, weil er angeblich nur als offensiver Mittelfeldspieler eingesetzt werden wollte.

Erwartungen nicht erfüllt

Auch wenn der HSV anfangs zufrieden war und schon nach fünf Spielen die Kaufoption zog: Spätestens nach einem Schlüsselbeinbruch im Wintertrainingslager und vieler vemurkster Spiele im Abstiegskampf musste Holtbys Anfangsphase mit »Erwartungen nicht erfüllt« beurteilt werden. Das sah der Spieler ein: »Über die erste Saison rede ich nicht mehr so gerne. Ich habe das letzte Jahr hinter mir gelassen und halte es für das Beste, nur in der Gegenwart zu leben.«