Warum Lars Stindl so wichtig ist

Mit der Klasse im Spielertunnel

2:1, 44. Minute. Stindl hatte in dieser Saison bereits einen Strafstoß vergeben, doch in dieser Situation zeigte er Mut und schnappte sich den Ball. Es scheint, als wachse er in der Aussichtslosigkeit. In seinem letzten halben Jahr bei Hannover stand sein Wechsel zur Borussia bereits fest, doch Stindl schoss damals Tor um Tor gegen den drohenden Abstieg. Es gibt nicht wenige Experten in Hannover, die bis heute ohne Übertreibung sagen, er habe das Team damals im Alleingang gerettet. Anfang 2017 stand Gladbach vor einem Fehlstart, lag in Leverkusen mit 0:2 zurück. Es war ein Derby, ein »Flutlichtspiel« am Abend, die Lage ernst. Könnte man diesen Ingredienzien in Flaschen abfüllen, Stindl würde sie exen. Er trieb seine Mannschaft an, Gladbach siegte mit 3:2.

2:2, 47. Minute. Der Ball flipperte durch den Strafraum, bis ihn Stindl kompromisslos einfach ins Tor grätschte. Dieser Treffer steht wie so viele von ihm nicht unter dem Verdacht, zum Tor des Monats gewählt zu werden. Stindl ist kein Mann für Traumtore, keiner für spektakuläre Hackentricks. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum er unter dem Radar der breiten Fußball-Öffentlichkeit fliegt. Seine Zahlen sind indes spektakulär: In den vergangenen zwei Spielzeiten schaffte er in 69 Spielzeiten 37 Scorerpunkte. Seine Treffer waren dabei keine Zugaben, sondern meist die Ouvertüre. Allein 15 Mal erzielte er den Führungstreffer seiner Mannschaft.

Ein Tor wie eine Visitenkarte

2:3, 55. Minute. Nach einem Freistoß suchten ihn seine Mitspieler an der Strafraumkante. Und Stindl schoss ein Stindl-Tor. Flachschuss mit der Innenseite ins Eck. Er nimmt sehr selten den Spann, um den Ball mit Wucht aufs Tor zu bringen. Stindl ist vor dem gegnerischen Tor pragmatisch und präzise. Das führte in dieser Saison dazu, dass er auch einige Fahrkarten schoss, weil er zu genau das Eck anvisierte statt den brachialen Gewaltschuss zu probieren. Doch an diesem Flutlicht-Abend in Florenz machte er alles richtig. Das 3:2 könnte er auf seine Visitenkarte drucken.

»Ich bin nicht unwichtig für die Mannschaft, aber ich spiele nun einmal nicht so spektakulär, ich falle nicht durch Fallrückzieher oder Geistesblitze auf«, sagte er im Interview. Dann verglich er seine Schusstechnik mit seiner Karriere: »Ich war schon in der Jugend mehr im Hintergrund. Aber diejenigen, die damals heraus­stachen und im Blickfeld standen, haben es nicht nach oben gepackt. Ich konnte mich in Ruhe im Windschatten weiterentwickeln, immer Schritt für Schritt.«

Das Gespräch fand damals in einem Raum vor dem Spielertunnel im Gladbacher Stadion statt und wurde durch eine lautstarke Schulklasse gestört. Die Kinder unternahmen gerade eine Führung und liefen auf den Rasen, im leeren Stadion wurde dazu die obligatorische Einlaufmusik »Die Elf vom Niederrhein« aufgedreht. Plötzlich drehten sich die Kinder verwundert um, weil hinter ihnen im Tunnel ein Mann laut mitsang. Sie waren noch verwunderter, als sie bemerkten: Der Mann war der Kapitän von Borussia Mönchengladbach.