Warum Kabinenansprachen in der Regel schwachsinnig sind

»Die hauen wir weg!«

Kamera läuft: Immer häufiger lassen Trainer ihre Ansprachen in der Kabine filmen. Zu sehen gibt es einen bizarren Mix aus Küchenpsychologie und Weltkriegsrethorik.

YouTube/Sky Sport HD

Als Leverkusens Roger Schmidt vor ein paar Monaten seinen Hoffenheimer Trainerkollegen Julian Nagelsmann mit einer liebevollen Einschätzung (»Spinner!«) um etwas mehr Ruhe (»Halt doch die Schnauze!«) bat, war die öffentliche Aufregung anschließend groß. Leider erregte sich das Volk nur über die zugegeben etwas gewöhnliche Wortwahl Schmidts und nicht darüber, dass da wieder einmal ein Trainer ziemlich aufdringlich belauscht worden war.

Der Fall des Leverkusener Coachs war nämlich ein erneuter Beleg dafür, dass das grundgesetzlich verankerte Recht auf freie Rede beim Fußball längst außer Kraft gesetzt ist, sowohl auf als auch neben dem Platz. Kaum ein Spieler plaudert noch lässig auf dem Spielfeld, ohne sich dabei diskret die Hand vor den Mund zu halten, wobei man da allerdings immer nicht so genau weiß: Angst vor Lippenlesern oder einfach nur sagenhaft schlechte Zähne? Und am Spielfeldrand kann kein Trainer mehr ungestört herumkrakeelen oder den gegnerischen Trainer mit ehrverletzenden Worten herabwürdigen, ohne befürchten zu müssen, dass irgendein Sky-Wicht diskret das Richtmikrofon unter der Trainerbank durchschiebt. Bleibt also als letztes Reservat der freien Rede nur die Kabine, in der noch frei und ungezwungen gesprochen werden kann, ohne dass jeder Nebensatz anschließend bei Sky90 auf Kommafehler untersucht wird.

Als spirituelles Erlebnis der Extraklasse überhöht

Und das ist auch gut so, schließlich ist die Kabinenpredigt eine der letzten großen Mythen des Fußballs. Bis heute hält sich hartnäckig der Glaube der Anhänger, dass eine flammende Kabinenansprache vor Spielbeginn oder ein Wutausbruch in der Halbzeitpause noch jede Mannschaft in die richtige Spur bringen kann. Mag die Mannschaft in der ersten Hälfte noch so lustlos und selbstzufrieden über den Platz geschlichen sein, ein amtlicher fünfzehnminütiger Anschiss in der Umkleide wird’s schon richten. »Die Mannschaft kam wie verwandelt aus der Kabine«, eine Standardphrase des regionalen Sportjournalismus und jeden Spieltag aufs Neue die große Hoffnung der Anhänger.

Natürlich kickt die Combo in aller Regel genauso grausam weiter wie in der ersten Hälfte, was dem Mythos bislang aber keinen Abbruch getan hat. Gerade weil es keine Bilder aus den Mannschaftsbereichen gibt, wird die Zusammenkunft im Spielertrakt vom Publikum gerne als spirituelles Erlebnis der Extraklasse überhöht, der Pausentee gerät zu einer Art sportlichem Rütlischwur, in dem Männer geformt, heilige Eide gesprochen und Krieger geschmiedet werden.


Wer ist Schuld? Jürgen Klinsmann!

Eine Illusion, die sich Anhänger gerne erhalten hätten, die jedoch inzwischen zahlreiche Risse bekommen hat, seit nämlich immer mehr Profitrainer Kameras in die Kabine gelassen haben. Und was die Objektive dort einfangen, war doch ziemlich weit entfernt vom heroischen Männerbund. Gegen die Holzschnittrhetorik vieler Profitrainer wirkt Jürgen Höller beinahe wie ein tiefenpsychologischer Feingeist.

Und wer ist schuld? Jürgen Klinsmann! Der ließ sich nämlich am 14. Juni 2006 von Sönke Wortmann dabei  filmen, wie er die Nationalelf mit einem verunglückten Wehrmachtsbericht für das zweite WM-Vorrundenspiel gegen Polen heiß machte. »Wir hauen sie durch die Wand!«, krakeelte Klinsmann mit leicht überschnappender Stimme und zudem mit jenem schwäbischen Akzent, der Zuhörer immer vermuten ließ, hier ginge es um die Einhaltung der Kehrwoche. Dass keiner aus der Mannschaft losprustete oder Teamchef Jürgen wenigstens schelmisch zuzwinkerte, war eine bis heute leider zu wenig gewürdigte schauspielerische Glanzleistung, die auch bei der nächsten Oscarverleihung sträflich ignoriert wurde.