Warum José Mourinho bei Tottenham wie ausgetauscht wirkt

Dr. Mourinho & Mr. Hyde

Heute Abend tritt José Mourinho mit seinen Spurs beim FC Bayern an. Seitdem er bei Tottenham als Trainer übernommen hat, scheint der Portugiese wie ausgewechselt. Seine Mannschaft spielt nicht nur aufregenden Fußball – auch er wirkt plötzlich nahbar.

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Es war ein Amtsantritt, der Mourinho-typischer nicht hätte sein können: »Bist du Dele oder bist du sein Bruder?«, fragte der Übungsleiter den 23-Jährigen Dele Alli nach seiner Übernahme bei den Tottenham Hotspurs. »Denn wenn du wirklich Dele bist, dann spiel’ auch wie er.«

 

Drei Wochen sind seitdem vergangen, und nicht nur Dele Alli spielt unter Mourinho wieder, wie man es sich von einem Dele Alli erhofft: Die gesamte Mannschaft der Spurs brennt Woche für Woche ein Offensivspektakel ab, in kurzer Zeit hat sich der Klub von Tabellenrang 14 auf Schlagdistanz zu den Champions-League-Plätzen vorgearbeitet. Angesichts der für Mourinho ungewohnt torreichen Ergebnisse, dem für seine Art neuartig offensiv ausgerichteten Fußball und nicht zuletzt seines eigenen ungewohnt charismatischen Auftretens möchte man fast fragen: »Bist du José oder bist du sein Bruder«?

 

Lieber 1:0 als 5:3

 

Denn der 56-Jährige, den wir in den letzten Jahren vor allem als Trainer-Äquivalent eines Bond-Bösewichts wahrgenommen haben – grimmiger Blick, stets im Rollkragen und viel zu viel Kohle dank viel zu hoher Abfindungen – gibt sich auf einmal nahbar. Seit er die Nordlondoner übernommen hat, erscheinen fast täglich neue und für ihn merkwürdig liebenswerte Schlagzeilen: Mourinho umarmt die Einlaufkinder, Mourinho lobt den Balljungen, Mourinho lädt eben diesen Balljungen zum Mannschaftsessen ein und ganz grundsätzlich lächelt Mourinho die ganze Zeit über so dermaßen breit, als hätte er gerade den Jürgen-Klopp-Sympathie-Grundkurs absolviert. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis er eine Babykatze aus der Baumkrone rettet oder auf einmal Senioren über dicht befahrene Kreuzungen hilft.

 

Doch wie glaubwürdig ist sein neues Image als »The Humble One«? Zumindest sportlich scheint sich der Kurs seines Teams tatsächlich gewandelt zu haben. 16 Treffer haben die Spurs seit seiner Amtsübernahme erzielt, acht Gegentore mussten sie in dieser Zeit hinnehmen – zu Chelsea-Zeiten gut und gerne die Ausbeute einer gesamten Hinrunde. Natürlich kann selbst er nach drei Wochen noch keine grundlegenden Veränderungen in der Ausrichtung seiner Mannschaft herbeiführen, doch für einen Trainer, der jahrelang bedingungslos mit dem Mantra »lieber 1:0 statt 5:3 gewinnen« angetreten ist, bedeutet der aktuelle Offensivfußball mehr, als nur die Momentaufnahme einer Mannschaft, die nach dem Trainerwechsel wild drauflos stürmt.