Warum Jonathan Tah für Bayer so wichtig ist

Souverän, erfahren und so verdammt jung

Neben seiner defensiven Leistung bringt er 85 Prozent seiner Pässe zum Mitspieler. Aus der eigenen Mannschaft kommen lediglich Charles Aranguiz und Julian Baumgartlinger auf bessere Werte, die jedoch beide weniger Spiele gemacht und Pässe gespielt haben. Auch zwei Torvorlagen hat er schon gegeben. Trotzdem sagt Tah als bodenständiger, realistischer Typ über sich selbst: »An meiner Spieleröffnung muss ich noch feilen.« Wenn das mal nicht »souverän« ist.

Dass Tah so routiniert, so »erfahren« auftritt, liegt auch daran, dass er von Anfang an ein klares Ziel hatte: Profi werden. Und darauf geht er mit großen Schritten zu: Angefangen bei Altona 93 und dem SC Concordia in seiner Hauptstadt Hamburg geht er mit 13 zum HSV, mit 15 ins vereinseigene Internat. Mit 16 wird er Profi, mit 17 folgt das Debüt. Mit 18 wird er zu Fortuna Düsseldorf ausgeliehen und einer der besten Zweitliga-Verteidiger. Mit 19 folgt der Wechsel zum Champions-League-Kandidaten aus Leverkusen, wo er Stammspieler wird. Auf seine Berufsplanung angesprochen, sagt Tah: »Mein Plan B war, Plan A umzusetzen.« Das hat ausgezeichnet funktioniert.

Nebenbei durchläuft Tah ab der U16 alle Nachwuchsteams des DFB. 2016 debütiert er für die A-Mannschaft, als Jerome Boateng verletzt ausfällt, den Tah als »spielerisch gesehen mein Vorbild« bezeichnet. Längst wird er auch mit seinem Vorbild verglichen. Nicht zu unrecht, denn genau wie der womöglich beste Verteidiger der Welt ist Tah mehr als nur ein Schlachtschiff, mehr als ein Zerstörer. 

Wir sind alt

Der 22-jährige antizipiert hervorragend, ist der erste Offensive im Leverkusener Hochgeschwindigkeitsfußball und bleibt auch unter gegnerischem Pressingdruck ausgesprochen cool. So bricht er mit der Leverkusener Verteidigungstradition von Jens Nowotny und Carsten Ramelow bis Ömer Toprak und Emir Spahic. Auch wenn nur einer von ihnen einen Ordner niederschlug, waren sie doch alle mehr Zerstörer als Kreativgeister.

Heute muss Tah, der »Bär« wie Ex-Kollege Kevin Kampl ihn mal nannte, mit Leverkusen bei Ex-Klub und Dino Hamburg ran. »Das wird ein Kampfspiel«, sagte er in einem Interview unter der Woche. »Der HSV wird alles abfeuern, was ihm zur Verfügung steht. Da müssen wir richtig gegenhalten.«

Dass er auch auf höchstem Niveau dazu bereit ist, hat Tah schon hinreichend bewiesen. Und so wird uns der Fußball in Person von Jonathan Tah an diesem Samstag mal wieder vor Augen führen, wie verdammt alt wir eigentlich sind. Nämlich wenn wir, egal ob 25, 45 oder 65 Jahre alt, auf der Couch oder in der Kneipe sitzend biertrinkenderweise das Fernsehbild anschreien und die anderen alten Leute neben uns fragen: »Wie zur Hölle kann der Junge erst 22 sein?«