Warum Joachim Löw sich neu erfinden muss

Weniger über Wasser gehen

Joachim Löw will als Nationaltrainer weitermachen. Doch selbst wenn der DFB ihn lässt, muss Löw sehr viel ändern. Vor allem seine Arbeitsweise.

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Dass Jogi Löw Bundestrainer bleibt, ist toll! Oder fürchterlich! Genau werden wir es erst in einigen Monaten wissen, denn es kommt nicht allein auf die Personalie an. Natürlich ist Löw nach wie vor ein sehr guter Trainer, der entscheidend dabei mitgeholfen hat, den deutschen Fußball aus einem dunklen Zeitalter um die Jahrtausendwende zu führen. 


Zwölf lange Jahre hat er für deutlich mehr Spaß als Verdruss gesorgt und 2014 die Weltmeisterschaft gewonnen. Andererseits war es im Rahmen eines ganzen Potpourris von Fehleinschätzungen und Ermattungen auch ihm zuzuschreiben, dass die WM in Russland so epochal verhauen wurde.

Im Prinzip spricht nicht zwingend etwas dagegen, dass Löw weitermacht, und das nicht nur mit Blick auf den gähnend leeren Pool möglicher anderer Kandidaten. Eine erneute Erfolgsgeschichte wird das aber erst dann, wenn zugleich beim ganzen Unternehmen Nationalmannschaft der Reset-Knopf gedrückt wird.

Ärmel hochkrempeln

Das betrifft den Bundestrainer selber, der das schöne Leben als erster Coach des Landes verständlicher Weise liebt. Es wird in dem gerade bis 2022 verlängerten Vertrag zweifellos auch sehr schön honoriert. Doch Löw wird in Zukunft mal wieder etwas weniger über Wasser gehen und etwas mehr die Ärmel hochkrempeln müssen.

Er muss den Blick auf seine Spieler schärfen und ihn nicht von alten Loyalitäten und Verbundenheiten trüben lassen. Neue Frische und Schärfe braucht auch das Team hinter dem Team, in dem es kaum noch eine Streitkultur gibt, sondern alles unter einer großen Kuscheldecke verschwindet.

Sind wirklich alle zum Neustart bereit?

Auch die ganze Aufgeblasenheit des Unternehmens Nationalmannschaft muss angegangen werden. Löw ist dafür nicht verantwortlich, und steht ihr teilweise auch skeptisch gegenüber. Die deutsche Nationalmannschaft spielt im Fußball hierzulande eine ganz besondere Rolle. Sie ist einerseits Lokomotive des Vereinsfußballs und anderseits in besonderem Maße Allgemeingut. Sie muss ein Team zum Anfassen sein, doch davon hat sie sich im Zeitalter ihrer Hashtagisierung weit entfremdet.

Personalfragen werden überschätzt, und das ist auch jetzt wieder so. Joachim Löw kann wieder ein wunderbarer Bundestrainer werden, oder sein Nicht-Rücktritt kann in bleierne Zeiten führen. Es kommt darauf an, wie sehr nicht nur er selber zum Neustart bereit ist, sondern alle um ihn herum.