Warum Italien die Weltmeisterschaft verpassen könnte

»Es gibt keine Ausreden«

Morgen startet Italien gegen Schweden in die WM-Playoffs. Ein Selbstläufer wird das Duell mit den Skandinaviern für die fußballvernarrte Nation nicht. Vor allem, weil die Mannschaft in den letzten Jahren ihre größte Stärke verloren zu haben scheint.

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Luca Caldirola ist kurz irritiert. Doch das Lachen, das sich Sekundenbruchteile später bei ihm einstellt, ist von einer so selbstverständlichen Sicht auf die Dinge untermalt, dass die Antwort den 26-Jährigen alles andere als überheblich erscheinen lässt. »Waren wir denn schon einmal nicht dabei?«, fragt der italienische Innenverteidiger, der seit Juli 2013 bei Werder Bremen unter Vertrag steht – seit jenem Sommer also, in dem er Italiens »Azzurrini« als Kapitän bei der U21-EM in Israel aufs Feld und bis ins Finale (2:4 gegen Spanien) führte. Die Frage, ob er sich Sorgen um die WM-Qualifikation seiner Kumpels mache, Caldirola schiebt sie am Telefon galant bei Seite.

Zu seinen Mitspielern gehörten damals, beim U21-Turnier, der spätere (und kurz darauf auch schon wieder ehemalige) Dortmunder Ciro Immobile, der heutige PSG-Spielgestalter Marco Verratti und Alessandro Florenzi, der Allrounder und designierte Nachfolger von Francesco Totti und Daniele de Rossi als Ikone der AS Roma. Sie werden am Freitag im schwedischen Solna und am Montagabend in altehrwürdigen Giuseppe Meazza zu Mailand mitverantwortlich dafür sein, Caldirolas Fußballweltbild am Leben zu halten – und nicht nur seines: »Eine Fußball-WM ohne Italien? Das kann sich doch keiner vorstellen. Schon gar nicht wir Italiener. Wir müssen gewinnen und zur WM fahren. Wir sind Italien! Bei allem Respekt für Schweden, aber da gibt es keine Ausreden.«

Welches Gesicht zeigt Italien dieses Jahr?

Eine Weltmeisterschaft ohne Italien – das geht übrigens wirklich. Vor dem Premierenturnier 1930 erhielt Uruguay den Zuschlag als Gastgeber. Dem faschistischen Italien, dem das WM-Championat vier Jahre später zugesprochen wurde, war daraufhin die Schifffahrt nach Südamerika zu lang. 1958 scheiterte Italien tatsächlich zum bislang einzigen Mal in der WM-Qualifikation – an Nordirland.

Heute entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die WM in jenem Jahr in Schweden stieg. Die Skandinavier um Emil Forsberg, ManU-Abwehrkante Victor Lindelöf (23) und das verkannte Sturmgenie John Guidetti (25/Celta Vigo), zudem U21-Europameister 2015, sind Italiens letzte Hürde auf dem Weg nach Russland. Sofern die Squadra Azzurra nicht über ihre hausgemachten Hürden stolpert.

Denn anders als die »Tre Kronor«, die als Zweiter der schweren Qualifikationsgruppe A mit Frankreich, den Niederlanden und Bulgarien spielerisch ansprechende Leistungen zeigte, scheinen den Italienern unter Trainer Giampiero Ventura jegliche technischen und taktischen Finessen abhandengekommen zu sein. Vor allem Letzteres gibt Anlass zur Sorge. In Italiens unsteten Jahren nach dem WM-Triumph 2006 (Vize-Europameister 2012, WM-Vorrundenaus 2010 und 2014) war die richtige Strategie der Schlüssel, um aus vermeintlich ewigen Talenten, längst vergessenen Endzwanzigern und den etablierten Senatoren hochgefährliche Einheiten zu formen.

Der Trainer hält am System fest - egal gegen wen

Auf den taktischen Kniff setzt auch der 69-jährige Ventura – doch bisher hat noch niemand so recht begriffen, worauf er mit dem von ihm so forcierten 4-2-4-System hinaus will. Mut zur Offensive? Mag sein. Zumal Ventura mit Lorenzo Insigne, Antonio Candreva, Federico Bernardeschi oder Stephan El-Shaarawy eine Reihe an Kandidaten für die Flügelpositionen hat. Das Sturmzentrum ist mit dem formstarken Lazio-Angreifer Ciro Immobile (14 Saisontore) und Shootingstar Andrea Belotti (FC Turin/26 Tore in der vergangenen Spielzeit) ebenfalls ordentlich besetzt.

Bei der 0:3-Niederlage im Qualifikationskracher gegen Spanien Anfang September entpuppte sich das 4-2-4 jedoch als lückenhaft. Zumal Ventura offenbar keinen Bedarf sah, sein System an den Gegner anzupassen. Spanisches Ballbesitzspiel im Mittelfeld? Da war doch was. Die logischen Folgen: Italiens Mittelfeldzentrale war heillos überfordert, der numerisch starke Angriff der Azurblauen hing in der Luft.