Warum ist der lange Ball wieder im Trend?

Die Rückkehr des Langholz

Lange Bälle galten im Profifußball lange Zeit als verpönt. Jetzt bolzen immer mehr Teams den Ball hoch nach vorn. Warum?

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»Geh lang!« Jeder Kreisklasse-Kicker weiß, was zu tun ist, wenn Libero Horst-Dieter diese Anweisung brüllt. Es folgt der gepflegte, lange Ball – ein Kulturgut auf den Ackern der Republik. Nichts symbolisierte in den vergangenen Jahren den Unterschied zwischen Profis und Freitagabends-Amateuren so sehr wie der lange Ball: Der Profi möchte alles mit kurzen Pässen lösen – tiki taka. Der Amateur greift zum Langholz.

Längst jedoch ist der Unterschied nicht mehr so eindeutig. Auch in der Bundesliga ist das Langholz angekommen. Statistisch gesehen ist die Zahl der langen Bälle in der höchsten Spielklasse zwar seit Jahren konstant. Zwischen 15% und 17% der Bälle werden hoch und lang gespielt. Lange Zeit waren die Werte jedoch gleichzeitig verteilt, alle Mannschaften lagen zwischen 12% und 20%.

Mittlerweile sind diese Zahlen ausdifferenzierter. Bayern München und Borussia Dortmund spielen mit ihrem Kurzpassspiel wesentlich weniger lange Bälle. Ihr Anteil liegt bei 8%. Andere Teams hingegen liegen weit über dem Durchschnittswert. Ingolstadt spielt 23% ihrer Zuspiele hoch, Darmstadt sogar 30%.

Der lange Ball als Plan

Darmstadts Coach Dirk Schuster weiß: Spielerisch kann seine Mannschaft mit den Gegnern nicht mithalten. Seine Mannschaft kletterte in den vergangenen Jahren von der dritten in die erste Liga. Individuell waren sie in allen drei Ligen ihren Gegnern unterlegen.

Darmstadt hat nicht die spielerischen Ressourcen, sich gegen ein hohes Pressing zu befreien. Stattdessen bolzen sie den Ball nach vorne - bei jeder Gelegenheit. Durchschnittlich jeder dritte Pass im Darmstädter Spiel geht hoch und lang nach vorne. Der Stürmer soll diesen Ball sichern oder ablegen für das nachrückende Mittelfeld.

Mit dieser Strategie erwischte Darmstadt die Gegner auf dem falschen Fuß – in der dritten, in der zweiten und sogar in der ersten Bundesliga. Wenn der Gegner gar nicht erst versucht, den Ball zu sichern, macht es auch wenig Sinn, ihn zu pressen – und genau das wollen die meisten Bundesligisten.