Warum ich mich bei Jerome Boateng entschuldigen muss

Wie eine Badehose aus Antilopensteaks

Unser Autor schimpft seit Jahren über Jerome Boateng. Nach den letzten Auftritten des Verteidiger steht er nun blöd da. Zeit, in den Staub zu fallen.

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Länderspielpausen geben gemeinhin viel Raum, um die Gedanken schweifen zu lassen. Da einem Gegner wie Irland oder Georgien nicht gerade Kopfzerbrechen bereiten, der eigene Klub lediglich die Wunden der ersten Bundesligaspieltage leckt und man ansonsten den freien Raum mit Fußball füllen muss, bietet sich die einmalige die Möglichkeit, die eigene Fanseele ins Reine zu bringen. 

Bei mir ist es bitter nötig, denn vor kurzer Zeit musste ich feststellen, dass ich dieses Spiel, das ich über alles liebe, das mich seit meinem fünften Lebensjahr nicht mehr in Ruhe lässt und so maßgeblich beeinflusst hat, offenbar immer noch nicht verstanden habe. Der Grund dafür ist 1,92 Meter groß, blickt immer ein bisschen so, als nasche er allabendlich von der eigenen Hanfplantage und wird neuerdings von einem der größten Rapper der Neuzeit gemanagt. Der Grund dafür heißt Jerome Boateng.

Ein phlegmatischer Bremsklotz

Denn ich war einer derjenigen, die Jerome Boateng für einen phlegmatischen Bremsklotz mit Hang zum Schlendrian gehalten haben. Die überzeugt waren, dass man mit so einem Spieler im Abwehrzentrum weder einen Titel, noch einen Blumentopf, noch die Herzen der Fußballwelt erobern kann. Wenn er den Ball mit seiner an Provokation grenzenden Lässigkeit aus der eigenen Hälfte trieb, vor dem eigenen Sechzehner mit der Hacke den Ball klärte oder mal wieder mit seinen trägen Augen müde in die Kamera blickte, war ich der Erste, der in den Tisch biss und frustriert murmelte: »Der kann nix.« Ja, Jerome Boateng trieb mich in den Wahnsinn. Egal, ob er sich mit der Plastikbombe Gina-Lisa im Hotel ablichten ließ oder von Lionel Messi auf den Hosenboden gesetzt wurde. Meine Meinung über ihn war zementierter als die Berliner Mauer.

Innenverteiger sind wie Müllmänner

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass meine Fußballsozialisation auf dem Wissen kerniger Kreisligaspieler basiert. Seit der Zeit, in der ich Sex noch für eine Zahl zwischen fünf und sieben hielt, wurde mir von Trainern vermittelt, dass Innenverteidiger ihrem Gegner wehzutun und sie notfalls bis aufs Klo zu verfolgen haben. Und falls sie den Gegner dann mal wieder durch geschicktes Schmerzverbeiten vom Ball getrennt hatten, war das Spielgerät schnellstmöglich an einen technisch beschlageneren Mitspieler abzugeben. Innenverteidiger waren für mich wie Müllmänner: Sie machen die Drecksarbeit, ohne sie würde das System ersticken – aber keiner will ihren Job machen. 

So wurschtelte ich mich immer mit einer gewissen Abscheu gegenüber dieser Zunft durch mein Fußballleben. Ich belächeltet sie, weil sie sich so abmühten, auch wie Fußballer zu wirken, obwohl sie doch nur Schlachtrösser waren. Spätestens als mich einmal ein bierbäuchiger Manndecker über 90 Minuten beleidigend über den Platz jagte, weil ich mir aus Spaß an der Freude vor dem Anpfiff die Fingernägel blau lackiert hatte, war mir klar: Die Nummer vier ist kein Mensch, sondern ein Tier. Komischerweise hat sich diese Sicht nie so richtig geändert.