Warum haben sich jahrelang alle über Heiko Westermann lustig gemacht?

Why always me?

Heiko Westermann wird heute 35 Jahre alt. Im vergangenen Jahr haben wir ihn in Österreich besucht – um vor allem einer Frage nachzugehen: Warum haben sich über HW4 dauernd alle lustig gemacht? 

Andreas Jakwerth
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Die Reportage erschien erstmals im September 2017. Damals hatte Heiko Westermann grade den Verein gewechselt. Dieses Wochenende hat er mit sofortiger Wirkung aufgrund von körperlichen Beschwerden seine Karriere beendet.

Heiko Westermanns Stimme schallt über den frischgewässerten Trainingsplatz in Wien. »Siebzehn! Achtzehn! Ah, komm noch mal!« Bei der Austria, seinem neuen Verein, spielt man Fünf gegen Zwei. Westermann zählt jeden Ballkontakt seines Teams laut mit. »Dreiundzwanzig! Vierundzwanzig! Fünfund … Neiiiiin!« Mit einem Ausfallschritt versucht der in die Jahre gekommene Kahlkopf, den schlechten Pass eines Mitspielers noch zu erreichen. Westermann kann den Ball zwar noch touchieren, aber es reicht nicht – das Leder ist futsch. Er nimmt den Passgeber in den Arm. Alles halb so schlimm, ist ja nur Training, gleich noch mal. Westermann lacht. Hier, in Steinbrunn, einem Vorort von Österreichs Hauptstadt, hat er nicht nur einen neuen Arbeitgeber gefunden, sondern auch wieder Spaß am Fußball.

Wer Heiko Westermann im Frühjahr 2015 gefragt hätte, ob ihm das Spiel Spaß macht, der hätte wohl nur einen verständnislosen Blick geerntet. Vielleicht wäre der Fragesteller sogar gleich aufgefressen worden. Damals lagen die Nerven in Hamburg mal wieder blank. Es war keine durchwachsene Saison, keine mit Aufs und Abs. Nein: Der Hamburger SV steckte immer im Schlamassel. Völlig egal, wer sich an der Seitenlinie befand, nervös hektisch an den Rand der Coachingzone lief, Befehle erteilte und kopfschüttelnd zurück zur Bank lief. Ob es Mirko Slomka war, der am dritten Spieltag ohne ein einziges Tor entlassen wurde. Ob es Heilsbringer Joe Zinnbauer war, dem nach einem desaströsen, aber nahezu erwartungsgemäßen 0:8 gegen den FC Bayern die Ausgangstür gewiesen wurde. Ob es Bruno Labbadia war. 

Warum immer er?

Nur auf eine Konstante konnte sich jeder Hamburger verlassen: Witze über HW4. Das Internet war voll mit Bildern, Videos und Sprüchen wie »Lionel Messi ist nur Weltfußballer, weil Heiko Westermann sich nicht wählen ließ« oder »Kein Mensch, kein Tier, HW4«. Oder mit Videos. Etwa dem Clip, auf dem Westermanns Kopf mit Anlauf gegen den Pfosten knallt. Alles zwischen Humor und Mario Barth war erlaubt. Zu dieser Zeit hätten Scherze über Westermann wohl auch das Olympiastadion gefüllt. Was die Frage aufwirft: Warum eigentlich? Warum immer er? 

Etwas in der Art fragte sich auch Mario Balotelli im Oktober 2011. Als er im Manchester-Derby ein Tor für City schoss, zog er beim Jubel sein Trikot hoch. Darunter trug er ein selbstgebasteltes T-Shirt mit der einfachen Frage: »Why always me?« Er wollte wissen, warum er – zu jener Zeit der beste italienische Stürmer – von der Presse und den Fans verspottet wurde. Warum seine Eskapaden mehr Aufsehen erregten als die Leistung auf dem Platz. Warum jeder einzelne Abschleppvorgang (30) seines falsch geparkten Autos länger kommentiert wurde als seine Tore für Manchester City (20). Die Antwort war: Die Menschen brauchten einen Sündenbock und Balotelli bot sich an wegen der Melange aus Fehlverhalten neben und arroganter Spielereien auf dem Fußballplatz, multiplizierende Faktoren in Zeiten des Internets. Und dann kam dazu natürlich noch der offene Rassismus im Einwanderungsland Italien, das kein Land für Einwanderer sein möchte.

Alles beginnt mit einem Tor

Doch warum wurde Westermann zum Sündenbock? So paradox es klingt: Nicht zuletzt wegen eines tollen Tores. Am 4. April 2014 spielt der HSV gegen Bayer Leverkusen, einer der seltenen Höhepunkte einer Saison, die mit der (ersten) Relegation gegen Greuther Fürth endet. Es ist ein hochdramatischer Freitagabend. Beim Stand von 1:0 branden die Angriffe der Leverkusener gegen das Tor von René Adler wie Wellen gegen den Deich. Adler wächst über sich hinaus, bis ihm ein einfacher Ball von Julian Brandt durch die Finger gleitet. Wieder kein Sieg im Volksparkstadion? Die Hoffnung sinkt in der Ostkurve, auf der VIP-Tribüne. 

Bis der Ball kurz vor Schluss auf die rechte Seite gespielt wird, wo Dennis Diekmeier eine letzte Flanke schlägt. In der Mitte rauscht Westermann heran. Urgewaltig. Diagonal in der Luft stehend, den Ball direkt abnehmend und ins lange Eck versenkend. Siegtor. Nach dem Treffer jubelt Westermann ohne große Geste, während um ihn herum die jungen Teamkollegen wie Hakan Calhanoglu durchdrehen. Aus ihren Gesichtern spricht Erleichterung. Das Video wird 10 000 Mal im Internet angesehen. Für jemanden wie Heiko Westermann, der von sich selbst sagt: »Ich hasse es abgrundtief zu verlieren«, müssen diese Jahre im Abstiegskampf beim HSV eine harte Zeit gewesen sein. Mit dem Tor lehnt er sich dagegen auf.