Warum Guido Burgstaller so großartig ist

Der 16-Bit-Stürmer

Guido Burgstaller ist der beste Stürmer der Liga. Warum? Weil er die Neunziger wiederaufleben lässt.

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Immer wenn ich traurig bin, besuche ich die Homepage von Space Jam, die aus irgendeinem Grund noch online ist. In ihrer unbeholfenen Schlichtheit erinnert sie mich an einfachere, schönere Zeiten, in denen das Leben noch aus Nintendo und Panini bestand und nicht aus Steuererklärungen und Fettwerden. Ist gerade kein Computer in der Nähe, um meine Nostalgie zu befrieden, denke ich an Bernhard Winkler. 

Mit 1860 hatte ich nie viel am Hut, aber Bernhard Winkler hat mich immer fasziniert. Winkler wirkte stets wie einer, der noch Minuten vor dem Spiel an einer bayrischen Eckbank saß und nach einem großen Schluck Weizenbier mit den Worten »Ich mach' das jetzt« aufstand, sich den Schaum mit dem riesenhaften Unterarm von der Oberlippe wischte und auf den Platz trottete. Wo er dann einem bedauernswerten Gegenspieler ein tellergroßes Hämatom in die Seite wuchtete und den Ball über die Linie quälte, egal wie. Winkler war sicher nicht der beste Stürmer seiner Generation, aber er hatte etwas angenehm Nahbares. Er war aus der Bayernliga in die Bundesliga gekommen, und seine Art zu Spielen suggerierte einem, dass man es selbst ja vielleicht auch noch irgendwie nach oben schaffen könnte. Winkler war perfekt Unperfekt. 

Der Fußball frisst seine Kinder

Aber es ist nun mal so: Der Fußball frisst seine Kinder. Mittelläufer, Vorstopper, Manndecker – Sie alle sind von der Entwicklung des Spiels überholt worden, an ihre Stelle traten hochstehende Außenverteidiger und abkippende Irgendwasse. Der Lauf der Dinge eben, aber eine dieser Entwicklungen hat mich immer sehr gestört: Die Verdrängung der echten Neun durch die Falsche. Im Matchplan der Laptop-Trainer war plötzlich kein Platz mehr für Winklerhafte Kanten. Stattdessen brauchte man plötzlich nur genügend wendige offensive Mittelfeldspieler, ein paar Götzes und Özils, einer von ihnen würde den Ball am Ende einer Tiki-Taka-Staffette schon ins Tor wieseln. Während die großen Brocken schwerfällig auf der Tribüne saßen, ein isotonisches Getränk in der übergroßen Hand, und sich fragten, wann die Dinge sich eigentlich zu Ihren Ungunsten entwickelt hatten. Und so starb sie aus, die gute, alte Sturmkante. 

Dachte man. 

Aber dannn war plötzlich Guido Burgstaller am Start. Für 1,5 Millionen aus der Zweiten Liga geholt, wirkte der Burgstaller-Transfer wie einer jener hektischen Schalke-Notkäufe, die dann nach drei schlechten Spielen auf der Bank und anschließend in zahllosen Leihgeschäften verschwinden. Aber nicht Burgstaller. In seinem ersten Spiel für Schalke würgte der Österreicher einen Ball in letzter Sekunde so wundervoll unperfekt über die Linie, dass Bernhard Winkler seine helle Freude daran gehabt hätte.